Nachhaltigkeit
Studie weckt Kritik an chemischem Recycling

17.12.2020 Ist das chemische Recycling von Kunststoff effektiver als andere Verfahren? Eine Studie sagt: Nein. Ökobilanzen der chemischen Industrie seien wenig glaubwürdig.

Das chemische Recycling von Kunststoffen ist bislang umstritten.
© Foto: imago images / Geisser
Das chemische Recycling von Kunststoffen ist bislang umstritten.

Aktuelle Ökobilanzen zum chemischen Recycling in einer Studie unter die Lupe genommen haben die Deutsche Umwelthilfe (DUH), der Naturschutzbund Deutschland (NABU) sowie die europäischen Organisationen Zero Waste Europe, GAIA, ECOS, Rethink Plastic und das European Environmental Bureau. Thomas Fischer, Bereichsleiter Kreislaufwirtschaft bei der DUH, erläutert, dass die Untersuchung der Ökobilanzen des chemischen Recyclings von BASF und Co. als wenig glaubwürdig erschienen. „In unserer Zusammenfassung der Ergebnisse bringen wir Schwachpunkte, Fehler und auch zweifelhafte Aussagen ans Licht“, sagt er.

Auch Sascha Roth, Referent für Umweltpolitik beim NABU, blickt skeptisch auf das chemische Recycling: „Unsere Untersuchungen zeigen, dass bei Ökobilanzen nicht alles Gold ist, was glänzt.“ Man müsse sich stärker auf schon heute wirksame Methoden wie das mechanische Recycling konzentrieren. Und Reinhard Schneider, Inhaber des Reinigungsmittelunternehmens Werner & Mertz, sieht in dem chemischen Recycling eine „unwirksame Technologie schöngerechnet.“

Kritikpunkte der Studie am chemischen Recycling

Die Studie führt die zehn größten Kritikpunkte an den Ökobilanzen zum sogenannten chemischen Recycling auf. So werde beispielsweise der Anschein erweckt, dass die chemische Aufbereitung wenig bis keine externe Energie benötige, obwohl dieses Verfahren mit sehr hohem Energieaufwand verbunden sei. Außerdem werde behauptet, dass der Output beim sogenannten chemischen Recycling die gleiche Qualität wie neues Plastik aufweise. Tatsächlich sei es im Gegenteil so, dass aufgrund der geringen Qualität des Outputs nur ein kleiner Teil für Endprodukte eingesetzt werden könne, so die Ergebnisse der Studie. Der hohe Materialverlust beim Prozess der chemischen Aufbereitung werde in den Ökobilanzen nicht erwähnt, auch die Toxizitätswerte würden nicht näher untersucht. Generell würden Datensätze zum Großteil nicht offengelegt, nur selektive Ergebnisse präsentiert und die Analysen seien unvollständig. Darüber hinaus werde das mechanische Recycling einseitig negativ dargestellt und es würden generell nur sehr einseitige Annahmen in Bezug auf alternative Möglichkeiten zum Umgang mit Plastikmüll präsentiert.

Das sagt die BASF

Bei der BASF nachgefragt, erläutert diese unter anderem, dass die von ihr beauftragte Lebenszyklusanalyse hinsichtlich des chemischen Recyclings von dem Beratungsunternehmen Sphera nach dem anerkannten Standard ISO 14040/44 erstellt wurde. Hinsichtlich der Kritik an der für die chemische Aufbereitung benötigte Energie, sagt das Unternehmen, dass nahezu keine externe Energie benötigt werde, da das aus Kunststoffabfällen gewonnene Pyrolysegas zur Erzeugung der für den Prozess benötigten Energie genutzt werde.

Kann tatsächlich nur ein kleiner Teil aus dem chemischen Recycling für das Endprodukt eingesetzt werden? Die BASF gibt hierzu an, dass, wenn sich ein Kunde für ein Produkt auf Basis recycelter Rohstoffe entscheide, die benötigte Rohstoffmenge in den BASF-Produktionsverbund eingespeist werde und damit die gleiche Menge an fossilen Rohstoffen ersetze. Die Zuordnung des Rezyklat-Anteils zu dem im Verbund hergestellten Verkaufsprodukt erfolge über einen von Dritten geprüften und zertifizierten Massenbilanzansatz. Dieses unabhängige Audit bestätige, dass eine Menge recycelter Rohstoff eingesetzt werde, die zu 100 Prozent der für das Produkt benötigten Rohstoffmenge entspreche.

Bezüglich der Toxizität antwortet die BASF, dass die Pyrolyseanlagen, von denen die Pyrolyseöle durch die BASF bezogen werden (zum Beispiel Quantafuel, Dänemark), in der EU betrieben und daher nach den jeweils geltenden nationalen Gesetzen zugelassen seien. Die Prüfung durch die Behörden vor der Zulassung stelle sicher, dass keine Schäden für Mensch und Umwelt entstünden. Zur Kritik an selektiv dargestellten Ergebnissen, antwortet das Unternehmen aus Ludwigshafen, dass man sich auf den Indikator der CO2-Emissionen fokussiert habe, da dieser der meist diskutierte Lebenszyklusanalyse-Indikator sei. Alle anderen Wirkungskategorien seien transparent offengelegt worden.

Christian Lach, Leiter des Projekts Chemcycling bei BASF, sagt abschließend: „Die Ergebnisse der Lebenszyklusanalyse-Studie zeigen, dass chemisches Recycling eine ökologisch sinnvolle Ergänzung zum mechanischen Recycling darstellt.“ Man begrüße aber jederzeit eine kritische Diskussion aller komplementären Ansätze und Perspektiven auf der Basis überprüfbarer Fakten.

Dennoch geschöntes Bild vom chemischen Recycling?

Die Macher der Studie von der DHU und Co. in Auftrag gegebenen Studie kommen zu dem Ergebnis, dass sich Ökobilanzen leicht missinterpretieren ließen und so ein geschöntes Bild von chemischem Recycling entstehe. DUH, NABU und Co. sprechen sich für mehr unabhängige Forschung zu den Umweltauswirkungen von chemischem Recycling aus, um letztendlich nur solche Recycling-Verfahren zu incentivieren, die tatsächlich eine geringere CO2-Bilanz aufweisen als die Herstellung von neuem Kunststoff.

Die vollständige neue Studie ist auf der Seite von zerowasteeurope.eu abrufbar.

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