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Der Begriff Biokunststoffe fasst zwei technisch getrennte Eigenschaften unter einem Namen zusammen: die Herkunft der Rohstoffe (biobasiert oder erdölbasiert) und das Verhalten am Lebensende des Materials (biologisch abbaubar oder stabil). Für Verpackungsentscheidungen ist diese Trennung wichtig, weil beide Eigenschaften unabhängig voneinander auftreten können. Ein Kunststoff kann vollständig aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen und trotzdem nicht abbaubar sein – umgekehrt gibt es erdölbasierte Kunststoffe, die biologisch abbaubar sind.
Biokunststoffe: biobasiert, biologisch abbaubar und kompostierbar im Vergleich
Biobasiert bedeutet laut Umweltbundesamt, dass ein Kunststoff „ganz oder teilweise aus biogenen Rohstoffen“ wie Mais oder Zuckerrohr hergestellt wird. Das sagt noch nichts über die Abbaubarkeit aus: Biobasiertes PET etwa bleibt in der Umwelt ebenso stabil wie sein erdölbasiertes Pendant. Das Umweltbundesamt stuft als biologisch abbaubar Kunststoffe ein, die sich unter bestimmten Bedingungen zersetzen und dabei überwiegend Kohlendioxid und Wasser hinterlassen.
Wovon die Abbaubarkeit tatsächlich abhängt, stellt die Nationale Informationsstelle nachhaltige Kunststoffe von Fraunhofer UMSICHT klar heraus: Bioabbaubarkeit ist keine Funktion der Rohstoffherkunft, sondern hängt allein von der chemischen Struktur des Polymers ab. Daraus ergeben sich vier unabhängige Materialgruppen – biobasiert und abbaubar, fossilbasiert und abbaubar, biobasiert und stabil, sowie fossilbasiert und stabil (das ist der konventionelle Kunststoff, kein Biokunststoff):
Kompostierbar ist ein engerer Begriff als „biologisch abbaubar“: Zwar ist grundsätzlich jeder kompostierbare Kunststoff auch biologisch abbaubar, aber nicht jeder biologisch abbaubare Kunststoff eignet sich zum Kompostieren. Kompostierbarkeit setzt zusätzlich voraus, dass der Abbau unter den definierten, beschleunigten Bedingungen einer Kompostierungsanlage innerhalb einer geprüften Frist erfolgt – dazu mehr im Abschnitt zur Normung.
Die wichtigsten Biokunststoff-Typen im Verpackungsbereich
In der Verpackungspraxis dominieren wenige Materialfamilien, die sich in Rohstoffbasis, Abbauverhalten und Eigenschaften deutlich unterscheiden:
| Material | Rohstoffbasis | Biologisch abbaubar | Typischer Einsatz |
|---|---|---|---|
| PLA (Polymilchsäure) | biobasiert (Maisstärke) | ja, industriell kompostierbar nach EN 13432 | Becher, Schalen, Folien für kurzlebige Lebensmittelverpackungen |
| PHA (Polyhydroxyalkanoate) | biobasiert (bakterielle Fermentation aus Zuckern/Fetten) | ja, auch in Süß- und Meerwasser | Beschichtungen, Spezialfolien, Nischenanwendungen |
| Stärkeblends (TPS) | biobasiert (thermoplastische Stärke, meist mit PLA/PBAT gemischt) | ja, industriell kompostierbar | Beutel, Verpackungschips, Netze für Frischware |
| Bio-PE | biobasiert (Zuckerrohr-Ethanol), chemisch identisch mit fossilem PE | nein | Folien, Flaschen – recycelbar im bestehenden PE-Kreislauf |
| Bio-PET | teilweise biobasiert (Monoethylenglykol aus Zuckerrohr) | nein | Getränkeflaschen, analog zu fossilem PET |
PLA: der meistgenutzte biobasierte Kompostwerkstoff
PLA (Polymilchsäure) entsteht in drei Schritten aus Pflanzenstärke, meist Mais: Fermentierung zu Milchsäure, Polymerisation zu langkettigen Polymeren, anschließend Verarbeitung zu Granulat. Reines PLA ist fest und transparent und lässt sich ähnlich wie PP oder PS verarbeiten, hat allerdings mit rund 60 °C einen niedrigen Erweichungspunkt, der sich durch Blends anheben lässt. Zertifiziertes PLA zersetzt sich in industrieller Kompostierung innerhalb von 90 Tagen zu mindestens 90 Prozent und ist nach EN 13432 als kompostierbar zertifizierbar.
PHA: bakteriell erzeugt, auch im Meerwasser abbaubar
Polyhydroxyalkanoate entstehen durch bakterielle Fermentation aus Zuckern oder Fetten – die Bakterien lagern das Polymer als Energiespeicher intrazellulär ein. PHA zählt zu den wenigen Biokunststoffen, die nicht nur im industriellen Kompost, sondern auch in Süß- und Meerwasser abgebaut werden. Der höhere Herstellungspreis begrenzt den Einsatz bislang auf Nischen wie Beschichtungen und Spezialfolien.
Bio-PE und Bio-PET: biobasiert, aber nicht abbaubar
Bio-PE wird aus Ethanol von Zuckerrohr hergestellt und ist chemisch strukturgleich mit erdölbasiertem Polyethylen – ein sogenanntes Drop-in-Material mit identischen Verarbeitungs- und Recyclingeigenschaften. Hauptproduzent ist der brasilianische Konzern Braskem mit einer Kapazität von rund 200.000 Jahrestonnen. Weil die Molekülstruktur unverändert bleibt, ist Bio-PE nicht biologisch abbaubar, lässt sich aber vollständig im bestehenden PE-Recyclingstrom verwerten. Bio-PET funktioniert nach demselben Drop-in-Prinzip mit einem biobasierten Anteil aus Zuckerrohr-Ethylenglykol.
Stärkeblends: Füllstoff mit Grenzen
Thermoplastische Stärke wird selten pur, sondern meist in Blends mit PLA, PBAT oder PBS verarbeitet, weil reine Stärke feuchtigkeitsempfindlich und mechanisch instabil ist. Solche Blends kommen bei kompostierbaren Tragetaschen, Verpackungschips und Beuteln für frisches Obst und Gemüse zum Einsatz, wo eine begrenzte Standzeit ausreicht.
Normen: Wie Kompostierbarkeit und biobasierter Anteil geprüft werden
Zwei Normenfamilien regeln, was Hersteller auf die Verpackung schreiben dürfen. DIN EN 13432 definiert die Anforderungen an industriell kompostierbare Verpackungen und wird über mehrere Einzeltests geprüft: chemische Zusammensetzung mit Schwermetallgrenzwerten, biologischer Abbau, Desintegration sowie ein Ökotoxizitätstest, der die Wirkung des entstandenen Komposts auf das Pflanzenwachstum bewertet.
| Prüfkriterium | Anforderung | Zeitraum |
|---|---|---|
| Biologischer Abbau | mindestens 90 % des organischen Materials im Labortest zu CO2 umgewandelt | 6 Monate |
| Desintegration | weniger als 10 % der Originalmasse verbleiben nach Feinsiebung als Fragmente über 2 mm | 12 Wochen |
Nur wenn alle Teiltests bestanden sind, darf eine Verpackung mit dem Kompostierbarkeitszeichen von DIN CERTCO oder dem „Keimling“-Zeichen von European Bioplastics gekennzeichnet werden. Für den biobasierten Anteil regelt die Normenreihe EN 16785 die Messmethodik: Teil 1 bestimmt den biobasierten Kohlenstoffgehalt über Radiokarbon- und Elementaranalyse, Teil 2 über eine Materialbilanzmethode auf Basis der Produktionsdaten. Beide Verfahren sind unabhängig von der EN 13432 und sagen nichts über die Abbaubarkeit aus – ein Material kann zu 100 Prozent biobasiert und trotzdem nicht kompostierbar sein.
Marktanteil: deutliches Wachstum auf niedrigem Niveau
Laut dem Marktbericht 2025 von European Bioplastics lag die weltweite Produktionskapazität für Biokunststoffe 2025 bei rund 2,31 Millionen Tonnen und soll bis 2030 auf etwa 4,69 Millionen Tonnen wachsen. Gemessen an der globalen Kunststoffproduktion von rund 431 Millionen Tonnen jährlich entspricht das einem Anteil von etwa 0,5 Prozent. Verpackungen bilden mit 41,3 Prozent der Produktionskapazität (0,95 Millionen Tonnen) weiterhin das größte Anwendungssegment vor Automotive und Transport. Trotz zweistelliger Wachstumsraten bleibt Bioplastik damit ein Nischenmaterial im Gesamtmarkt.
Entsorgung: gelbe Tonne statt Biotonne
Sowohl biobasierte als auch biologisch abbaubare Verpackungen gehören in Deutschland grundsätzlich in die gelbe Tonne beziehungsweise den gelben Sack – nicht in die Biotonne. Eine Ausnahme bilden zertifizierte Bioabfallbeutel, die unter bestimmten kommunalen Bedingungen für die Biotonne zugelassen sind. Wer Verpackungsentscheidungen im Kontext einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft trifft, sollte deshalb nicht automatisch von „kompostierbar gleich Bioabfall“ ausgehen, sondern die tatsächliche kommunale Entsorgungslogistik prüfen.
Kritik: Was industrielle Kompostierung in der Praxis leistet
Eine Zertifizierung nach EN 13432 beschreibt ein Laborergebnis, keine Garantie für die betriebliche Praxis. Industrielle Kompostierungsanlagen benötigen laut Umweltbundesamt Temperaturen von deutlich über 60 °C, die im privaten Gartenkompost nicht zuverlässig erreicht werden. In der betrieblichen Praxis kommt hinzu, dass Anlagen bioabbaubare Verpackungen häufig aussortieren, weil die Sortiertechnik optisch nicht zwischen abbaubaren und konventionellen Kunststoffen unterscheiden kann – die Materialien landen dann im Restmüll statt im Kompost.
Bereits eine vom Umweltbundesamt beauftragte Studie kam 2012 zu dem Ergebnis, dass biologisch abbaubare Einwegverpackungen trotz besserer Klimabilanz insgesamt keinen ökologischen Vorteil gegenüber konventionellem Kunststoff bieten: Anbau und Verarbeitung der Rohstoffe verursachen eine stärkere Bodenversauerung und Gewässereutrophierung. Der Marktanteil im Einzelhandel lag damals bei maximal 0,5 Prozent. Wer sich vertieft mit den Umweltwirkungen von nachhaltigen Verpackungen insgesamt beschäftigt, sollte Kompostierbarkeit deshalb nicht mit ökologischer Überlegenheit gleichsetzen, sondern Rohstoffherkunft und Abbauverhalten getrennt bewerten und gegen Alternativen wie Mehrwegsysteme oder Monomaterial-Recycling abwägen.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen biobasierten und biologisch abbaubaren Kunststoffen?
Biobasiert bezieht sich auf die Rohstoffherkunft, etwa Mais oder Zuckerrohr; biologisch abbaubar beschreibt das Verhalten am Lebensende. Beide Eigenschaften sind unabhängig voneinander: Bio-PE ist biobasiert, aber nicht abbaubar, während PBAT erdölbasiert, aber abbaubar ist. Nur PLA, PHA und Stärkeblends vereinen typischerweise beide Eigenschaften.
Kann man Biokunststoffe über die gelbe Tonne entsorgen?
Ja. Sowohl biobasierte als auch biologisch abbaubare Verpackungen gehören in die gelbe Tonne beziehungsweise den gelben Sack, nicht in die Biotonne. Nur speziell zertifizierte Bioabfallbeutel dürfen unter bestimmten kommunalen Vorgaben über die Biotonne entsorgt werden.
Was bedeutet die Zertifizierung nach DIN EN 13432 konkret?
Eine Verpackung gilt danach als industriell kompostierbar, wenn im Labortest mindestens 90 Prozent des organischen Materials innerhalb von 6 Monaten zu CO2 abgebaut werden und nach 12 Wochen industrieller Kompostierung weniger als 10 Prozent der Masse als Fragmente über 2 Millimeter zurückbleiben. Hinzu kommen ein Ökotoxizitätstest und Grenzwerte für Schwermetalle.
Wie groß ist der Marktanteil von Biokunststoffen weltweit?
Nach dem Marktbericht 2025 von European Bioplastics machen Biokunststoffe rund 0,5 Prozent der weltweiten jährlichen Kunststoffproduktion von etwa 431 Millionen Tonnen aus. Die Produktionskapazität lag 2025 bei 2,31 Millionen Tonnen und soll bis 2030 auf 4,69 Millionen Tonnen steigen – ein deutliches Wachstum, aber weiterhin ein Nischenanteil am Gesamtmarkt.
Sind Biokunststoffe wirklich nachhaltiger als konventionelle Kunststoffe?
Pauschal nicht. Eine Studie im Auftrag des Umweltbundesamts fand für biologisch abbaubare Einwegverpackungen zwar eine bessere Klimabilanz, aber keinen ökologischen Gesamtvorteil, weil Anbau und Verarbeitung der Rohstoffe zu stärkerer Bodenversauerung und Gewässereutrophierung führen. Ob ein Biokunststoff ökologisch vorteilhaft ist, hängt stark vom konkreten Material, der Anbaupraxis und dem tatsächlichen Entsorgungsweg ab.