SVI-Jahrestagung 2020
„Lebensmittelverpackung der Zukunft“

04.02.2020 Auf der diesjährigen Tagung des Schweizerischen Verpackungsinstituts SVI mit dem Titel „Lebensmittelverpackung der Zukunft“ ging es um die Fortschritte beim Kunststoffrecycling und die Zukunft von Getränkekartons, die bislang in der Schweiz nicht gesammelt werden. Mehr als 130 Teilnehmer waren am 14. Januar 2020 zu Gast in der Umwelt Arena in Spreitenbach.

© Foto: SVI
Bernd Brandt von der Denkstatt GmbH stellte Studien vor, die sein Wiener Beratungsunternehmen in den vergangenen Jahren zu Kunststoffverpackungen erstellt hat. Er warnte vor übereilten Entscheidungen und empfahl stattdessen, den gesamten Lebenszyklus von Verpackungen im Auge zu behalten – von der Herstellung über den Gebrauch bis hin zur Verwertung. Verpackungen seien heute um 35% leichter als im Jahr 1991 und ihre Klimawirkung, der Carbon Footprint, messbar. Damit lassen sich verschiedene Verpackungsoptionen vergleichen. Oft werde nicht gesehen, dass gerade bei Lebensmittelverpackungen die Schutzfunktion sehr hoch zu bewerten sei.

„Je wertvoller der Inhalt, desto besser muss die Verpackung sein“, laute die Devise. Hier Verpackungsmaterial einzusparen und damit schlechtere Ergebnisse in der Haltbarkeit oder beim mechanischen Schutz in Kauf zu nehmen, verursache eher Schaden. Ein Flachbildfernseher sei schliesslich auch sehr aufwendig verpackt, damit er unbeschadet nach Hause geliefert wird, gab Brandt zu bedenken. In der Öffentlichkeit seien die Zusammenhänge jedoch oft nur wenig bekannt und die Betrachtung undifferenziert. Massnahmen wie das Verbot von Plastiktüten, haben oft nicht die umweltschonende Wirkung, die sich die Öffentlichkeit davon verspricht. So verursache ein Flug von Wien nach London den gleichen Carbon Footprint wie sieben Jahre Verpackungskonsum. Einmal das Auto tanken komme dem Verbrauch von 4.000 Kunststoff-Tragetaschen gleich. Diese Relationen müsse man bekannt machen, damit die Hebel in Sachen Umweltschutz nicht am falschen Punkt angesetzt werden. Brandts Beispiel: In Österreich wurden von der Regierung „Plastiksackerl“ verboten, gleichzeitig die Erhöhung des Tempolimits auf Autobahnen von 130 auf 140 Stundenkilometer getestet – wodurch der Gewinn für die Umwelt aus dem Plastiktütenverbot bereits wieder aufgehoben wäre.

Perspektiven auf die Rezyklierbarkeit

Fabrizio Di Gregorio, Plastics Recyclers Europe, berichtete per Videokonferenz aus Brüssel über sein Projekt "Design for Recycling Plastic Packaging". Die Plattform Recyclass ziele darauf ab, die Rezyklierbarkeit von Kunststoffverpackungen zu verbessern und die Zielvorgabe der EU bis im Jahr 2030 erfüllen zu können. Es sollen standardisierte Definitionen und Guidelines auf wissenschaftlicher Basis erarbeitet sowie eine Community zum Kunststoffrecycling entlang der Wertschöpfungskette aufgebaut werden. Ein grundlegendes Ziel sei zudem die Vereinheitlichung innerhalb Europas. Derzeit gehören 25 Mitglieder der Recyclass-Plattform an. Es wurde bereits ein Tool entwickelt, mit dem die Rezyklierbarkeit von Kunststoffverpackungen bewertet werden kann, es stützt sich auf praktische Erfahrungen aus der Entsorgungs- und Recyclingindustrie. In 5 bis 10 Jahren wird nach Ansicht Di Gregorios neben dem mechanischen auch das chemische Recycling Fuss fassen.    

"Plastik ist ein Wertstoff und es gibt nichts Besseres zum Schutz von Lebensmitteln", sagte Lea Paessens, Unilever Schweiz GmbH, zu Beginn ihres Vortrags. Aufgrund der Eigenschaften von Kunststoffen – sie machen Lebensmittel haltbar, sind leicht, formbar und vielseitig einsetzbar – werde Unilever auch in Zukunft Kunststoffe verwenden. Allerdings nicht in der gleichen Art und Weise wie bisher: Bis zum Jahr 2020 soll das Gewicht der Verpackungen um 30% sinken, bis 2025 sollen der PCR-Einsatz bei 25% und die Recyclingfähigkeit bei 100% liegen sowie der Einsatz von Neuplastik um 50% verringert werden. Paessens wies darauf hin, dass jedoch nicht ihr Unternehmen, sondern die Verbraucher mit mehr als 60% den grössten Einfluss auf die Treibhausgasbilanz entlang der Lieferkette haben. Ebenfalls wichtig, aber wenig beeinflussbar, seien die Recyclingsysteme der einzelnen Länder. In der Schweiz werde bislang nur PET rezykliert. Um hier vorwärts zu kommen und auch für andere Kunststoffe Kreisläufe zu bilden, seien zahlreiche Partnerschaften entstanden, beispielsweise die Industrieinitiative Prisma e.V., in der sich elf Unternehmen zusammengeschlossen haben.

Initiativen zur Kreislaufwirtschaft im Vergleich

Wo der Unterschied zwischen den einzelnen Initiativen zur Kreislaufwirtschaft liege, wollte Dr. Karola Krell wissen, die die Tagung moderierte, und wandte sich an Patrik Geisselhardt, den Geschäftsführer von Swiss Recycling, der die Drehscheibe Kreislaufwirtschaft leitet. Geisselhardt betonte, dass eine Zusammenarbeit und letztendlich eine Zusammenführung der einzelnen Projekte wichtig seien. Verpackungen müssten zunächst rezyklierbar gemacht und dann ihre Separatsammlung auf den Weg gebracht werden. Die Konsumenten seien kein limitierender Faktor, wohl aber die Finanzierung.

An diesem Punkt setzte auch Simone Alabor, Geschäftsführerin Verein Getränkekarton-Reycling Schweiz, an. Sie berichtete von den Anstrengungen, die in den vergangenen zehn Jahren für die Sammlung von Getränkekartons unternommen wurden. Getränkekartons bestehen aus 75% Karton, 21% Polyethylen und 4% Aluminium. Wenn nur die Fasern stofflich verwertet werden, würde die Umweltbelastung nach einer Studie der Zürcher Umweltberatungsfirma Carbotech um bis zu 40% sinken. Wird auch noch das Polyethylen-Aluminium-Gemisch verwertet, würde die Entlastung der Umwelt noch höher ausfallen. Im Ausland existierten bereits solche Anlagen, sagte Alabor. Pilotversuche in der Schweiz in den vergangenen Jahren hätten gezeigt, dass sich Getränkekartons sehr gut für die Sammlung und Wiederverwertung eignen und die Bevölkerung bereit sei mitzumachen. Darüber hinaus verfüge die Model AG in Weinfelden bereits über eine Anlage, die alle Getränkekartons der Schweiz verwerten könne. Woran scheitert es also? Am Geld, stellte Alabor fest – und an klaren Rahmenbedingungen. Sie schlug eine verursachergerechte Finanzierung vor. Die Schweiz sei ein ressourcenarmes Land und darauf angewiesen, die Wertstoffe im Kreislauf zu halten.

David Nyffenegger, Aldi Suisse AG, stellte den bislang grössten Pilotversuch zur Sammlung von Getränkekartons in der Schweiz vor. Der Discounter hatte von 2016 bis 2019 Getränkekartons und Kunststoffflaschen (Hohlkörper aus PP, PET und HDPE) flächendeckend gesammelt und inländisch aufbereiten lassen. Dabei wurde die Sammlung in das bestehende Verkaufs- und Logistiksystem integriert. Die Beteiligung der Konsumenten sei überwältigend gewesen, berichtete Nyffenegger. Die Sortierung habe reibungslos funktioniert, ebenso seien der Platzbedarf in den Filialen sowie die hygienischen Bedingungen wegen des hohen Rücklaufs und der damit einhergehenden schnellen Umwälzung gut gewesen. Aldi blieb jedoch auch nach drei Jahren der einzige Rücknehmer von Getränkekartons, andere Detailhändler schlossen sich nicht an. Dabei stiegen die Sammelmengen enorm an. Zuletzt hätten mehr als 70% der zurückgebrachten Getränkekartons von anderen Händlern gestammt und der Aufwand habe nicht mehr synergetisch mit der bestehenden Belieferungslogistik abgedeckt werden können, erklärte Nyffenegger. Auch der Personalaufwand sei hoch und die Sammlung ökonomisch nicht interessant gewesen. Sein Fazit: Alleine geht es nicht! Deshalb arbeitet auch Aldi in verschiedenen Initiativen an einem Kreislaufsystem mit.

Ökonomie und Politik

„Es ist viel Druck auf dem Kessel!“, sagte Dr. Josef Meyer, Tetra Pak (Schweiz) AG und Präsident des Vereins Getränkekarton-Recycling Schweiz. In der EU sei in kurzer Zeit viel passiert, entsprechend seien nun viele Initiativen gestartet, um die Recyclingziele erfüllen zu können. Nachhaltigkeit werde zunehmend zur „License to operate“. Für die Industrie würden sich dadurch ambitiöse Nachhaltigkeitsziele und neue strategische Partnerschaften ergeben. Der Getränkekarton könne heute vollständig recycelt werden, deshalb will Meyer seine Sammlung auch in der Schweiz weiter vorantreiben. In Deutschland werde derzeit eine Verwertungsanlage zur Rückgewinnung von Kunststoffen und Aluminium aus Getränkekartons gebaut, die mit etwa acht Millionen Euro von den Herstellern Elopak, SIG Combibloc und Tetra Pak mitfinanziert wird. Meyer erklärte, dass noch Luft nach oben sei beim Thema Recycling: Getränkekarton-Recycling sei ökologisch sinnvoll, technisch möglich und ein offensichtliches Bedürfnis der Konsumenten. Ziel müsse deshalb ein schweizweites Sammelsystem sein, das verursachergerecht finanziert wird. Der Weg werde mittlerweile auch politisch geebnet, etwa durch das Postulat der grünliberalen Politikerin Isabelle Chevalley „Weniger Kehrichtverbrennung, mehr Recycling“, das am 20. Dezember 2019 vom Nationalrat angenommen wurde.

Man wolle von einem linearen Wirtschaftssystem hin zur Kreislaufwirtschaft, sagte auch Amanda Finger vom Bundesamt für Umwelt BAFU. Neben Recycling seien das Wiederaufbereiten, Reparieren, Wiederverwenden oder Teilen von Gütern mögliche Ansatzpunkte. Sie wies darauf hin, dass die Finanzierung der Entsorgung nach dem Verursacherprinzip erfolgen müsse. In der Schweiz gebe es bislang nur für die Sammlung von PET eine gesetzliche Grundlage. Das BAFU prüfe derzeit die Anwendbarkeit der EU-Kunststoffstrategie auf die Schweizer Verhältnisse und publiziere im Frühjahr 2020 einen Bericht zum aktuellen Wissensstand über „Plastik in der Umwelt in der Schweiz“. Zudem arbeite das Amt an einer Abfallvermeidungsstrategie und setze die Motion UREK-N „Weniger Plastikmüll in Gewässern und Böden“ um. Das BAFU könne allerdings nur im Auftrag des Parlaments bzw. des Bundesrates tätig werden.

Wege zur idealen Recyclingverpackung

Wie sieht nun die ideale Recyclingverpackung aus? fragte sich Edoardo Finotti von der Model AG. Er wies darauf hin, dass Verpackungen nur etwa 1% des Carbon Footprints einer Person ausmachen. In der Schweiz liege dieser derzeit bei 5,6 Tonnen pro Kopf und Jahr. Dennoch könne die Verpackungsindustrie einen wichtigen Beitrag zur Schonung der natürlichen Ressourcen beitragen. Voraussetzung seien fundierte Informationen und eine frühzeitige Einbindung von Verpackungsspezialisten, idealerweise bereits in der Entwicklungsphase eines Produkts. Eine weitere Möglichkeit um Ressourcen in der gesamten Wertschöpfungskette zu optimieren und einzusparen sei die digitale Fertigung.

In der abschliessenden Podiumsdiskussion hakte Dr. Karola Krell nach, weshalb es der Getränkekarton auch nach zehn Jahren Probezeit noch nicht in die Kreislaufwirtschaft geschafft habe. Josef Meyer von Tetra Pak erklärte, es müsse einen runden Tisch und einen klaren Willen zur Umsetzung geben, es fehle aber am Wollen. Er forderte die stoffliche Sammlung weiter auszubauen und sich auch der Finanzierungsfrage zu stellen. In anderen europäischen Ländern sei das längst geschehen. Edoardo Finotti sprach sich für entsprechende politische Rahmenbedingungen aus und erklärte, eine Verpackungsverordnung könne auch in der Schweiz sinnvoll sein. Die Detailhändler seien nicht auf eine Kreislaufwirtschaft ausgerichtet und verfügten nicht über die Logistik dafür, sagte Simone Alabor. Man müsse aber weiter denken und auch Leute mit neuen Ideen hinzuziehen, beispielsweise Start-up-Unternehmen, die neue Wege gehen.
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