Interview mit Ralph Spiering
„Den schwarzen Peter weiterzugeben, funktioniert nicht“

18.03.2020 280 Seiten, Hardcover: In diesem Monat kommt das erste Buch von Ralph Spiering, dem geschäftsführenden Gesellschafter von Packservice, in die Läden. Der 55-Jährige hat seine eigene mittelständische Firma auf einen erfolgreichen Weg geführt. Seiner Erfahrung nach gleicht die Roadmap für gekonntes Wachstum einer liegenden Acht mit fünf Verweilpunkten: Kunden beziehungsweise Markt, Personal, Prozesse, Finanzen und Führung. Wenn Unternehmer und Führungskräfte diese Endlosschleife immer wieder bereisen, wenn sie alle fünf Stationen im Auge behalten, pflegen und weiterentwickeln, dann gelingt stabiles und nachhaltiges Unternehmenswachstum, davon ist Spiering überzeugt. Im Interview mit dem Packreport spricht der Unternehmer über Bewusstseinsänderungen, Chancen für die Verpackungsindustrie und Charakter.

Ralph Spiering
© Foto: Packservice / Jan Bürgermeister
Ralph Spiering
Packreport: Herr Spiering, Ihr Buch heißt „Gekonnt wachsen“. Ist denn Wachstum für Sie das Nonplusultra?
Ralph Spiering: Für mich ist Wachstum kein Selbstzweck. Wachstum hat für Unternehmen zwei zentrale Bedeutungen. Zum einen bietet Wachstum Sicherheit. Kundenvielfalt, eine steigende Zahl an Standorten oder ein erweitertes Portfolio sorgen für Unabhängigkeit und dadurch entsteht Sicherheit. Der zweite Aspekt ist die Dynamik. Wachstum ist ein dynamischer Prozess, der der Organisation hilft, zu lernen. Gleichzeitig wirkt diese Dynamik motivierend für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.  

Wann kamen Sie denn überhaupt auf die Idee, ein Buch zu schreiben?
RS: Das ist schon viele Jahre her. Ein befreundeter Wissenschaftler gab während einer gemeinsamen Autofahrt den Impuls dazu. Ich erzählte ihm von unserer gegenwärtigen Strategie und unserer Unternehmensentwicklung. Konkret wurde es dann Ende 2018, als ich die Idee mit verschiedenen Verlagen besprach.

Sie haben selbst in die Tasten gegriffen, nehme ich an.
RS: Das Projekt entwickelte sich in enger Zusammenarbeit mit dem Hamburger Murmann-Verlag. Ich hatte von Beginn an den Anspruch, nicht alles schreiben zu lassen, sondern habe selbst für den passenden Stil und die richtigen Formulierungen gesorgt.

Wie beurteilen Sie das Ergebnis?
RS: Ich bin mit dem Ergebnis absolut zufrieden. Natürlich, im Nachhinein denkt man immer, man könnte an diesem oder jenen Satz noch schleifen. Verbessern kann man immer. Aber jetzt bin ich sehr gespannt, wie es in der gedruckten Version aussieht.

Wer ist denn die Zielgruppe Ihres Buches?
RS: Das Buch richtet sich an alle, die ein Unternehmen entwickeln wollen – ganz gleich in welcher Branche, auch wenn ich selbst in der Verpackungsbranche zuhause bin. Im Besonderen spreche ich kleine und mittlere Unternehmen an. Aber auch Startups sind Zielgruppe.  

Ihre Kernbotschaft?
RS: Wer nachhaltig Erfolg haben will, muss Unternehmensführung als Rundweg begreifen.

Worauf wollen Sie hinaus?
RS: Für ein gesundes Wachstum reicht es nicht, sich bei Bedarf die Engpässe anzuschauen und dann in Aktion zu treten. Es gilt, die zentralen Handlungsfelder kontinuierlich anzupassen und mitwachsen zu lassen. Diese fünf Handlungsfelder sind die Kunden, die Mitarbeiter, die Prozesse, die Finanzen und schließlich die Führung.  

Um ehrlich zu sein: Den letztgenannten Punkt finde ich den spannendsten.
RS: Ja, das Wachstum bei Packservice ist nur deshalb so gelungen, weil wir die Führungsaufgaben und die Führungsverantwortung geteilt haben. Wir haben eine Führungsspitze, die seit fast 20 Jahren hervorragend zusammenarbeitet. Das funktioniert nicht nur deshalb, weil wir uns zwischenmenschlich gut verstehen. Eine gute Zusammenarbeit muss auch gepflegt werden. Dazu bedarf es geeigneter Plattformen und Kommunikationsräume.

Hat Führungsstärke auch etwas mit Charakter zu tun?
RS: Führung muss authentisch sein. Wenn beispielsweise neue Führungskräfte eingestellt werden, ist es wichtig, ein Gefühl für die Persönlichkeit des Bewerbers zu bekommen – für die Werte, die diesen Menschen auszeichnen. Das muss zusammenpassen. Gleichzeitig gilt: Für ein Unternehmen ist es zwingend, dass die Führungscharaktere unterschiedlich sind. Werte und Wertvorstellungen gerne ähnlich, aber Charaktere und Typen am besten unterschiedlich.
Buchcover von Ralph Spierings "Gekonnt wachsen" © Foto: Murmann Publishers GmbH
Buchcover von Ralph Spierings "Gekonnt wachsen"

Bitte begründen Sie das?
RS: Wir haben in unserem Unternehmen unterschiedliche Aufgaben, operative und administrative. Dafür brauchen wir unterschiedliche Charaktere. Ganz allgemein gesprochen: Für die Führung des operativen Geschäfts brauche ich Typen, die wettbewerbsorientiert und gerne auch extrovertiert sind. Für die administrativen Aufgaben ist ein gewissenhafter, stetiger Typ mit Fingerspitzengefühl gefragt. Einfach schon deshalb, weil die Menschen, die dort arbeiten, auch anders zu führen sind.

Also eine gesunde Mischung aus Ja- und Nein-Sager?
RS: Wichtig ist, dass man in einem Kreis der Entscheider selbstbewusste Kompetenzträger hat. Ich vergleiche das mit der Walt Disney Methode: Realist, Kritiker, Träumer - alle werfen ihre Ideen auf einen Haufen. Sowohl die Bremser als auch die Beschleuniger müssen gleichberechtigt zu Wort kommen. Die verschiedenen Sichtweisen sollten kooperativ das unternehmerische Handeln prägen.

Was hat es eigentlich mit der liegenden Acht auf dem Buchcover auf sich?
RS: Die liegende Acht kennen wir aus der Mathematik als Zeichen für Unendlichkeit. Im Buch symbolisiert die liegende Acht – auch Lemniskate genannt – den kontinuierlichen Kreislauf des gekonnten Wachstums entlang der fünf genannten Handlungsfelder. Sie verbindet diese fünf Stationen als Weg der Führungskraft, die diese fünf stets im Blick hat und weiterentwickelt.

Lassen Sie uns noch zwei, drei Worte über die Herausforderungen verlieren, mit denen die Verpackungsbranche momentan konfrontiert ist.
RS: Wir haben ohne Zweifel zwei Megatrends: Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Speziell das zweitgenannte Thema müssen wir in der Verpackungsbranche hinsichtlich der Reduzierung von Material, Informationen auf der Verpackung oder einer verbesserten Kreislaufwirtschaft verarbeiten.

Ich formuliere es mal vorsichtig: Uns als Medium erreichen schon Vorwürfe aus der Konsumgüterindustrie, die besagen, dass die Verpackungsindustrie zu lange geschlafen hätte und nachhaltige Verpackungslösungen schon längst auf dem Markt sein könnten.
RS: Zur Lösung des Problems sind alle Beteiligten aufgerufen. Den schwarzen Peter weiterzugeben, funktioniert nicht. Lassen Sie es mich so sagen: Wir, die Verpackungsbranche, entwickeln, bieten an und setzen um. Wir sind nicht die Marketingabteilung, die entscheidet, ob dieses oder jenes für den Markt beziehungsweise den Verbraucher geeignet ist. Wir haben ja mit der Verpackung verschiedene Aufgaben zu erfüllen. Eine davon ist, die Attraktivität eines Produktes zu kommunizieren. Denn auch danach wählt der Konsument aus, was gekauft wird. Die derzeitigen Folienersatzstoffe taugen leider noch nicht als optische Messlatte.
Co.Packing-Line © Foto: Packservice PS Marketing GmbH
Co.Packing-Line

Was konkret tut Packservice in dieser Causa?
RS: Wir haben ein Mehrweg-Display namens „LOOPOS“ entwickelt, das erheblich Pappe und nachweislich CO2 einspart. Der Handel zeigt sich interessiert, die Anmutung ist aber zugegebenerweise nicht auf dem Niveau eines außergewöhnlichen Papp-Aufstellers. Ich behaupte: Es braucht eine Bewusstseinsänderung auf Verbraucherseite, die teilweise schon erkennbar ist. Und weiter einen konsequenteren Recycling- und Verwertungsprozess. Denn Verpackung ist und bleibt wichtig! Aber ich bin nicht der Meinung, dass die Konsumgüterindustrie auf die Verpackungsbranche zeigen muss.

Weil?
RS: Es sind Ideen da. Aber diese Ideen müssen natürlich aufgenommen werden. Auch und vor allem vom Einkauf der Industrie oder des Handels. Es gibt Alternativen, die sind allerdings teurer und werden oftmals aus diesem Grund abgelehnt. Wohl, weil der Verbraucher eventuell nicht mitziehen würde.

Sie hatten noch die Digitalisierung angesprochen.
RS: Durch die Digitalisierung entstehen neue Bedürfnisse und Einstellungen beim Einkaufen. Das betrifft auch die Geschwindigkeit. Die Bestellung ist nur einen Mausklick entfernt. Und die Lieferung erfolgt am besten sofort. Ein weiterer Aspekt der Digitalisierung ist die Individualisierung. Das bedeutet, Konsumenten wollen ihr Produkt so individuell wie möglich, bis hin zur Verpackung. Darauf muss sich die Branche einstellen. Diese Trends sind meiner Ansicht nach gekommen, um zu bleiben. Außerdem wird die Verpackung zum Träger von deutlich mehr Informationen, die vom Verbraucher via Smartphone abgerufen werden können. Positiv ausgedrückt: Das sind alles Chancen für die Verpackungsindustrie.
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