Ein Kommentar von Thomas Röhl
Elefanten im Porzellanladen

06.02.2020 Im Kampf gegen Kunststoffmüll will die EU-Kommission ein Verbot von Kunststoffverpackungen prüfen. „Ein wichtiger Schritt wäre beispielsweise, Verpackungen aus Kunststoffen zu verbieten oder die Verwendung von Recyclingmaterialien vorzuschreiben“, sagte unlängst der neue EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius. Natürlich löste dieser Satz eine Welle der Fassungslosigkeit aus, übrigens nicht nur in der Kunststoff- und kunststoffverarbeitenden Industrie. Welche Tragweite ein Verbot beispielsweise hätte, darüber sollte sich unser EU-Kommissar aber schon informieren.

© Foto: Pixabay / christels
Deshalb wunderte es mich erstmal nicht, dass nach der Steilvorlage aus der EU ein Bündnis aus Nichtregierungsorganisationen einen Rückgang von Kunststoffproduktion und -verbrauch forderten und hierzu 15 Forderungen an die Politik stellte. Den entsprechenden Forderungskatalog und die Stellungnahmen von Plastics Europe und IK haben wir ebenfalls online veröffentlicht.

Kann es sein, dass in Zeiten von Fakenews und alternativen Fakten die Wahrheit auch bei dieser Thematik auf der Strecke bleibt? Und die Politik mehr und mehr auf Wahrnehmung und Beeinflussung der Bevölkerung setzt, um eben Missmanagement zu verschleiern?

Machen wir uns nichts vor. Unser Verpackungsmüllproblem ist ganz einfach gesagt ein europäisches Entsorgungsproblem. Wir haben doch lange Zeit gehadert, um in nachhaltige Recyclingsysteme zu investieren und ordentliche Duale Systeme aufzubauen.  Gemäß dem Sprichwort „aus den Augen, aus dem Sinn“ haben wir einfach unseren Müll in ferne Länder exportiert. Und uns damit dem Problem ganz einfach entledigt. Übrigens mit Billigung von Behörden und der Politik. Das Fassungslose daran ist, dass jetzt die Kunststoffverpackung für das jahrelange Recycling-Missmanagement herhalten muss.

Fakt ist, das Kunststoff-Bashing trifft die Branche schon jetzt. Dazu kommt auch noch die schwierige Situation in der Automobilindustrie. Die Geschäfte der Kunststoffbranche entwickelten sich auch im zweiten Halbjahr 2019 negativ und verfehlten die bereits geringen Erwartungen aus der Jahresmitte. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Umfrage zur Kunststoffkonjunktur des Branchendienstes „KI – Kunststoff Information“ vom Januar 2020. Das Image-Problem des Werkstoffs „Kunststoff“ sei deutlich spürbar und scheint noch an Bedeutung zu gewinnen. 20 Prozent der Unternehmen berichteten über negative Auswirkungen des „Kunststoff-Bashings“ auf ihre Geschäftsentwicklung im zweiten Halbjahr 2019. Und für das kommende erste Halbjahr 2020 rechneten bereits 40 Prozent mit negativen Effekten auf ihre Geschäfte. Ja, die Verunsicherung ist da.

Doch wo Schatten ist, ist auch Licht. Die gesamte europäische Kunststoffindustrie investiert gerade hohe Summen in den Aufbau von Recycling-Kapazitäten und ist meiner Meinung nach bereits auf einem guten Weg hin zur Kreislaufwirtschaft.

Eine Kunststoffsteuer und Verbote helfen sicher nicht, um Kunststoffen den Wert zu bieten, den sie eigentlich verdienen. Außerdem lösen sie die europäischen Verpackungsmüllprobleme nicht. Mit den Systemen zur erweiterten Produktverantwortung gibt es in vielen Ländern Europas bereits eine Vielzahl von Lenkungsinstrumenten. Bei uns beispielsweise das neue Verpackungsgesetz mit seinen ambitionierten Recyclingquoten. Unsere Politiker in Brüssel und Berlin täten gut daran, jetzt erst einmal die bereits vorhanden Lenkungsinstrumente und ihre Auswirkungen abzuwarten, bevor nicht zu Ende gedachte neue Forderungen erhoben werden.

Zur Stellungsnahme von Plastics Europe und der IK geht es hier
stats