Klare Ansage aus Berlin
„Wir brauchen weniger Dosen“

08.07.2020 Im Exklusiv-Interview mit verpackungswirtschaft.de spricht Dr. Regina Dube, Ministerialdirektorin im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU), über das Getränkepfand, eine Verpackungssteuer – und warum es wichtig ist, dass Verpackungen in Deutschland hergestellt werden.

Über 3,9 Milliarden Dosen wurden 2019 in Deutschland verkauft.
© Foto: imago images / photothek
Über 3,9 Milliarden Dosen wurden 2019 in Deutschland verkauft.

Zum 1. Januar 2021 tritt in Tübingen eine Verpackungssteuer in Kraft. Begrüßen Sie diese Maßnahme?

Regina Dube: Lokale Maßnahmen, die zu weniger Einwegverpackungen führen und den Einsatz von Mehrwegprodukten stärken, sind grundsätzlich eine gute Sache. Deshalb unterstützt das Bundesumweltministerium viele lokale Initiativen, die innovative Mehrwegalternativen anbieten. Ich denke da zum Beispiel an Mehrweg-To-Go-Becher. Inwieweit Verpackungssteuern sinnvoll zur Verringerung von Einwegverpackungen beitragen können, muss man im Einzelfall prüfen. Eine kommunale Verpackungssteuer darf den Zielen des Verpackungsgesetzes nicht entgegenwirken. Hinzu kommt, dass die europäische Einwegkunststoffrichtlinie eine Erweiterung der Herstellerverantwortung vorsieht. Die Inverkehrbringer von bestimmten Einwegkunststoffverpackungen sind demnach künftig an den Kosten der Entsorgung zu beteiligen, wenn diese Verpackungen nicht im Müll, sondern auf Straßen oder im Park landen. Eine kommunale Verpackungssteuer muss eine unverhältnismäßige und somit unzulässige Doppelbelastung der Inverkehrbringer von solchen Einwegkunststoffverpackungen vermeiden.

Welcher Stellenwert kommt aus Ihrer Sicht der Verpackungsindustrie in Deutschland zu? Anders gefragt: Ist die Verpackungsbranche systemrelevant?

Regina Dube: Die Verpackungsindustrie ist eine wichtige Branche. Es ist gut, dass Verpackungen nach wie vor in Deutschland hergestellt werden. Zwar wollen wir den Verpackungsverbrauch deutlich verringern. Aber natürlich ist klar, dass Verpackungen gebraucht werden, um Waren zu schützen.

Welche Rolle können in Ihren Augen Verpackungen bei der Vermeidung von Abfällen (weggeworfene Lebensmittel etc.) spielen?

Regina Dube: Verpackungen tragen ganz wesentlich zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen bei. Doch nicht alle Lebensmittel müssen verpackt werden. Die optimale Verpackung bietet so viel Schutz wie nötig und ist so umweltverträglich wie möglich. In diesem Sinne sollten wir alle einmal die gewohnten Logistik- und Konsummuster überdenken.

Unternimmt die deutsche Verpackungsindustrie Ihres Erachtens genügend Anstrengungen, um Ökologie und Ökonomie maximal zu vereinbaren?

Regina Dube: Die stetig steigenden Verpackungsmengen zeigen, dass noch viel zu tun ist. Hierfür sind Handel, Lebensmittelkonzerne und die Verpackungshersteller gleichermaßen in der Verantwortung. Tatsächlich wird aber schon viel getan, um Verpackungen zu optimieren, die Recyclingfähigkeit zu verbessern und den Einsatz von Rezyklaten zu steigern. Wir müssen aber im Dialog mit dem Handel noch weiter vorankommen. Da ist selbstverständlich auch die Bundesregierung gefordert. Wir müssen den rechtlichen Rahmen insbesondere auf europäischer Ebene weiterentwickeln.

Stichwort Getränkepfand: Die Dose ist bei den Verbrauchern in Deutschland beliebter denn je. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Regina Dube: Das stimmt nicht. Zwar nimmt der Anteil der Getränkedosen am Gesamtmarkt aktuell wieder zu. Aber vor zwanzig Jahren war er ungefähr doppelt so hoch. Der derzeitige Anstieg ist aber der falsche Weg. Wir brauchen weniger Dosen und mehr Mehrwegbehälter für Getränke.

Zu guter Letzt: Welche Entwicklung in Sachen Verpackung halten Sie für die bedeutendste der vergangenen Jahre (zum Beispiel: Gewichtsreduktion, Recyclingfähigkeit)? Und auf welche hätten Sie gerne verzichtet (Trend zu To-Go, Einweg)?

Regina Dube: Die starke Zunahme von Convenience-Verpackungen finde ich bedenklich. Auch die zunehmende Zahl an Einwegverpackungen im Außer-Haus-Konsum und im Versandhandel geht in die falsche Richtung. Hier müssen wir gemeinsam gegensteuern. Positiv sind viele Optimierungen, wie z.B. die Verminderung des Verpackungsgewichts, die Verbesserung der Sortierbarkeit, das Schließen von Materialkreisläufen. Ich freue mich zu sehen, dass viele Handelsunternehmen und Verbraucherinnen und Verbraucher Verpackungen gezielt einsparen. Mehr und mehr setzen sie auf Mehrweglösungen, seien es Aufbewahrungsdosen für Lebensmittel, Einkaufstaschen oder auch wiederverwendbare Transportbehälter. In Folge des Runden Tisch zur Verminderung des Verpackungsverbrauchs hat sich vor allem im Lebensmittelhandel viel getan. Sogar für den „To-Go“-Konsum gibt es immer mehr Mehrweglösungen. Die Coronakrise hat diesen Trend offenbar nur vorübergehend ausgebremst. Und das Verpackungsgesetz bewirkt, dass die Kosten der Entsorgung von Verpackungsabfällen gerechter verteilt werden. Vor allem aber wird Recycling mehr und mehr zum neuen Standard, was sich auch auf die Recyclingfähigkeit von Verpackungen auswirkt.


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