Chancen für eine nachhaltige Zukunft
Plastik adé?

24.08.2018 Bereits zum achten Mal fand das von der Unternehmensgruppe Weig Mitte April veranstaltete Kartonforum in der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz statt. Das Motto des diesjährigen Forums stellte den Trend zu weniger Kunststoffverpackungen in den Mittelpunkt. Was aber keineswegs eine generelle Verurteilung bedeutete.

 Das Clean River Project, Paddeln und Ausstellungen entlang der Strecke, wurde hochinteressiert aufgenommen.
© Foto: Clean River
Das Clean River Project, Paddeln und Ausstellungen entlang der Strecke, wurde hochinteressiert aufgenommen.

Plastik- oder flexible Verpackungen haben dort ihre Berechtigung, wo keine alternative Lösung in Sicht ist. Im Endeffekt kommt es auf ein speziell auf die jeweilige Applikation orientiertes geordnetes Nebeneinander unter dem Zeichen der Nachhaltigkeit an.

 

Bereits zum 8ten Mal fand das von der Unternehmensgruppe Weig Mitte April veranstaltete Kartonforum in der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz vor rund 160 Teilnehmern statt. © Foto: Weig
Bereits zum 8ten Mal fand das von der Unternehmensgruppe Weig Mitte April veranstaltete Kartonforum in der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz vor rund 160 Teilnehmern statt.

Geschäftsführer Moritz J. Weig hieß rund einhundertsechzig Teilnehmer aus acht Ländern zum Kartonforum willkommen. Unter den Teilnehmern und Referenten aus den Bereichen Umwelt, Marke und Regulierung stand der aktuelle Megatrend „No Plastic“ im Mittelpunkt der Diskussionen. Die Teilnehmer setzten sich aus Kunden der Firma Weig Karton, Vertreter von Markenherstellern und des Einzelhandels zusammen. Aufgeschreckt durch die schon fast täglichen Meldungen über die regelrechte Verseuchung der Weltmeere und heimischer Gewässer rückt das Thema „No Plastic“ immer mehr in den Vordergrund. Gerade Kunststoffverpackungen belasten die Tierwelt, speziell die Meerestiere, mit all ihren negativen Auswirkungen auf die Nahrungskette.

Geschäftsführer Moritz J. Weig hieß rund einhundertsechzig Teilnehmer aus acht Ländern zum Kartonforum willkommen. © Foto: Weig
Geschäftsführer Moritz J. Weig hieß rund einhundertsechzig Teilnehmer aus acht Ländern zum Kartonforum willkommen.

Das wiederum zwingt Gesellschaft, Industrie und Handel zum Umdenken. Weg vom Kunststoff, sofern es Alternativen gibt. So wenig Kunststoff wie möglich, nur so viel Kunststoff wie nötig. Einfach gesagt: Beim Entscheidungsprozess sollte sehr sorgfältig zwischen Umwelt und Nachhaltigkeit abgewogen werden. Es kann nicht sein, dass wir den Ast absägen, auf dem wir sitzen. In den folgenden Referaten wurde diese Problematik unter diversen Blickrichtungen beleuchtet.

 

Das Clean River Project

Stefan Horch, Kajaker und Photograph aus Leidenschaft, begegnete auf seinen Fahrten durchs Wasser immer wieder großen Mengen Plastik, die hier nichts zu suchen hätten. Nach dem Motto: Hauptsache weg. Für ihn ein Grund etwas dagegen zu unternehmen. So gründete er 2012 das Projekt Clean River, nachdem er beim Paddeln großen Mengen von Plastikmüll begegnete und begann den vorbeischwimmenden Müll einzusammeln und die mitunter skurilen Fundstücke vor der ordnungsgemäßen Entsorgung visuell in Szene zu setzen. Seine Photokunst sorgte für öffentliches Aufsehen und fand reichlich Zuspruch.

Das Clean River Project, Paddeln und Ausstellungen entlang der Strecke, wurde hochinteressiert aufgenommen. © Foto: Clean River
Das Clean River Project, Paddeln und Ausstellungen entlang der Strecke, wurde hochinteressiert aufgenommen.

Horch visierte mit der Aktion „Crowdfunding“ - einer Paddel- und Ausstellungstour von Winningen an der der Mosel bis zur Nordsee - zwei Ziele an: Mobilisierung plus Sensibilisierung vieler Mitmenschen und Institutionen und paralleler Finanzierung durch Spendengelder. Nach 450 Kilometer in dreizehn Tagen und sehr viel Plastikmüll an der Strecke endlich Salzwasser: die Nordsee. Längst hat er Nachahmer und Mitstreiter gefunden. Vielen wurde dadurch die Problematik  Plastikmüll erst richtig bewusst. 2015 wurde das Projekt in einen gemeinnützigen Verein, Clean Rover Project e.V., überführt. Ende des Einzelkämpfertums und volle Konzentration auf den Kampf gegen Plastikmüll in deutschen Seen und fließenden Gewässern. Spiegel Online berichtet von einem Müllstrudel von 1.6 Millionen Quadratkilometer im Pazifik. Die Fläche mit Plastikmüll ist mehr als viermal so groß wie Deutschland!!!

Roland Rex, Head of Customer Focus and Business Development, stellt Christian Thunig vor, Managing Partner der Marktforschung Innofact AG, der sich des Themas Ethik und Nachhaltigkeit in Gesellschaft und Wirtschaft annahm. © Foto: Weig
Roland Rex, Head of Customer Focus and Business Development, stellt Christian Thunig vor, Managing Partner der Marktforschung Innofact AG, der sich des Themas Ethik und Nachhaltigkeit in Gesellschaft und Wirtschaft annahm.

Christian Thunig, ehemals Chefredakteur der Absatzwirtschaft, heute Managing Partner der Marktforschung Innofact AG, nahm sich des Themas Ethik und Nachhaltigkeit in Gesellschaft und Wirtschaft an. Nach seinen Worten entwickeln sich Ethik und Nachhaltigkeit mehr und mehr zum neuen USP Unique Selling Point / Alleinstellungsmerkmal mit Blick auf die Marke, die damit einhergehende Kommunikation und logischerweise die Verpackung. Ethik und Nachhaltigkeit, lange vernachlässigt, werden immer wichtiger. Denn die Wiederverheiratung von Wirtschaft und Nachhaltigkeit steht im Raum.

 

Selbst Gedanken, sich auf das Notwendigste zu beschränken, treffen in unserer Gesellschaft auf Unverständnis. In der Historie zeigen in kurzer Zeitfolge stets verblüffende neue Entwicklungen: der Mensch strebt stets nach mehr. Und mit ihm entwickeln sich Architektur, Kunst, Kultur, Literatur in Wort und Schrift bis hin zu heutigen modernen Verpackungen aller Art, wohin das Auge auch schaut. Das lässt sich via Touchpoint Studie 2015 für die Faltschachtel belegen. Danach kommt es zu durchschnittlich 44.8 Kontakten pro Faltschachtel in drei Monaten. Das bedeutet einen Mediaäquivalenzwert je nach Produktgruppe von zwei- bis zu dreistelligen Millionen Eurobereichen. 

 

Marketing muss sein. Daran ist im Grunde nichts Verwerfliches. Das sieht auch der Philosoph und ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin so. Er schränkt aber ein: „Ernst zu nehmen ist der Punkt, dass wir häufig ökologisch rücksichtslos und unnötigerweise produzieren und konsumieren. Auch der Konsument hat eine gewisse Verantwortlichkeit. Es ist Teil des Ethos zu fragen, wie ich meinen Beitrag dazu leisten kann, dass wir effizienter mit Ressourcen umgehen.“ Marketing hat aktuell ein schlechtes Image, wir müssen was tun! Es gibt Hoffnungszeichen. Zahlreiche Studien belegen die Zunahme bewussten Konsums. Universitäten und Business Schools haben das Thema Ethik wieder in ihren Lehrplänen. Unternehmen haben das Thema Nachhaltigkeit nahezu einstimmig als wichtig für ihre Geschäfte beurteilt. (Studie Pro Carton)

 

Die Kartonindustrie im politischen Umfeld

Klaus Windhagen, Hauptgeschäftführer des Verbandes Deutscher Papierfabriken e.V. (VDP) sprach sowohl über die EU Plastikstrategie als auch über Mineralöl- und Druckfarbenverordnung und das Verpackungsgesetz. In einer Vielfalt an Verordnungen und Gesetzen müssen sich die papierverarbeitenden Industrien Tag für Tag zurechtfinden. Am 17.03.2017 hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft einen neuen Entwurf zur Mineralölverordnung veröffentlicht. Danach soll es in Zukunft nur eine Begrenzung für MOAH Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons / alkylierte mono-/polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe für Lebensmittelbedarfsgegenstände aus Papier, Pappe oder Karton geben, die unter Verwendung von Altpapier hergestellt werden. Danach dürfen keine aromatischen Mineralölkohlenwasserstoffe auf Lebensmittel mit einer Nachweisgrenze von 0.5 mg/kg Lebensmittel übergehen. Die Branche ist darauf bestens vorbereitet. Dennoch wird die Verordnung die Gesamtproblematik von Mineralölgehalten in Lebensmittel nicht lösen.

Wirksamkeit der Unifood Barriere grafisch dargestellt. © Foto: Weig
Wirksamkeit der Unifood Barriere grafisch dargestellt.

Für die Druckfarbenverordnung sieht Windhagen ein langwieriges Verfahren voraus. Der deutsche Entwurf aus 2016 ruht, da die EU – Kommission für 2018 einen eigenen Entwurf geplant hat und sich nationale Alleingänge verbittet. Doch das BMEL Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft behält sich bei Verzögerung auf EU Ebene eigene Maßnahmen vor.

 

Aus dem geplanten großen Sprung von einer Verpackungsverordnung hin zu einem Wertstoffgesetz mit einer signifikanten Erhöhung der Recyclingquoten für alle Materialfraktionen, insbesondere Kunststoffe, und eine langfristige Sicherung und Erhaltung der Dualen Systeme wurde lediglich ein kleiner Hüpfer. Ergebnis: Weiterentwicklung der Verpackungsverordnung zu einem Verpackungsgesetz, leichte Steigerung der Recyclingquote bis 2022 und die Einrichtung einer „zentralen Stelle Verpackungsregister“ in Osnabrück zur Stabilisierung der Dualen Systeme. Gründe dafür: Interessen- und Zuständigkeitskonflikte. Eine kurzfristige Neuregelung erscheint eher unwahrscheinlich.

 

Derzeit beträgt die Recyclingquote in Europa 30 Prozent. Geht es nach der  Kommission sollen bis 2030 alle Plastikverpackungen recyclingfähig sein. Zudem soll die „Kunststofftouristik“, also der Export von Kunststoffabfällen, auslaufen. Und die Verbraucher sollen durch neue Kennzeichnungen die Wahl haben, auf Kunststoffe zu verzichten. Zudem sollen Einmalprodukte verschwinden sowie klare Kennzeichnungen und Standards auch bei biologisch abbaubaren Kunststoffen geschaffen werden. Doch ist damit die sortenreine Trennung beim Recycling noch nicht gelöst. Große Handelsorganisationen und Einzelhändler verabschieden sich sukzessive vom Kunststoff. Unterm Strich aber stellt die EU Regulierung die Kunststoffindustrie vor große Herausforderungen.

 

Ein Selbstversuch: Ein Leben ohne Plastik – geht das? Simone Zippel, Klimaschutzmanagerin in Wedel bei Hamburg, hat´s versucht. Um es ihr Facit vorweg zu nehmen, es ging beim besten Willen nicht. Sie hatte beste Vorsätze, keine in Plastik verpackten Produkte zu kaufen. Was immer ihr angeboten wurde oder im Supermarkt sie in den Regalen verlockend anlächelte. Doch es kam anders als geplant. Erstaunlicherweise gab es Produkte, die sie für ihren Lebensunterhalt haben wollte, mitunter nur in Kunststoffverpackungen.

 

Driven by Care

Über innovative Produkt- und Prozessentwicklung sprach Dr. Boris Rotter, Leiter der Technologie bei Weig Karton. Das Motto „Driven by Care“ formuliert das Unternehmen als “Wir kümmern uns“. Anhand der vorgestellten Organisation des Bereichs Technologie tritt das auch deutlich hervor. Vier Bereiche arbeiten hier abteilungsübergreifend miteinander. Auf der einen Seite Produktentwicklung, Streichtechnologie und Analytiklabor sowie Qualitätssicherung und Technischer Kundenservice speziell für den Faltschachtelkarton. Die Stofftechnologie wird für Faltschachtel- und Gipsplattenkarton gemeinsam betrieben. Daneben gibt es für den Gipsplattenkarton ebenfalls eine Produktentwicklung, Qualitätssicherung und Technischer Kundenservice. Mit zwölf qualifizierten Mitarbeitern ist das Team in der Lage die täglichen Herausforderungen zu meistern.

Dazu wurde der bei Weig Karton entwickelte und aus Recyclingkarton hergestellte Karton Unifood für Lebensmittel mit funktionaler Barriere präsentiert. Der Karton besteht aus mehreren aufeinander abgestimmten Schichten, hält Mineralöle bis zu 99 Prozent zurück, und durchläuft einen zweistufigen Prozess. Da er nicht aus Verbundmaterial besteht ist er komplett recyclingfähig. Allerdings macht die Entwicklung hier nicht halt. Es wird weiterhin intensiv an wirksamen Öl- und Fettbarrieren gearbeitet. Viel versprechende Zwischenergebnisse liegen vor und Kunden können für damit Versuche starten.


WOS – die neuen Weig Online Services

Mit Leila Kaddatz „WOS – Weig Online Services“ schloss sich der Kreis zu der angekündigten effektiven Nutzung digitaler Daten. Denn hier wird  genau dieser Ansatz mit dem neuen Weig Online Portal verfolgt. Das Zauberwort heißt Echtzeit. Damit können Kunden rund um die Uhr ihre spezifischen Daten abrufen oder auch Bestellungen abwickeln. Doch damit ist der Kundennutzen noch lange nicht ausgereizt. Diese Schritte werden erst als Teil einer Kommunikationstruktur angesehen. Parallel zum Online Service Portal wird der Austausch von Daten zwischen Systemen auf Basis von EDI-Anbindungen vorangetrieben. So werden die Prozesse automatisiert und damit sehr effizient. In der Kombination von klassischer Vertriebsarbeit, Online Services und dem automatisierten Austausch von Daten sieht Weig die Zukunft in einer vernetzten Verpackungswelt.

Die grafisch dargestellten Weig Kommunikationswege von heute, morgen und auch übermorgen. © Foto: Weig
Die grafisch dargestellten Weig Kommunikationswege von heute, morgen und auch übermorgen.

 © Foto: Weig




Erschienen in packREPORT Nr. 7-8/2018

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