Interview mit BMEL-Staatssekretär Uwe Feiler
„Mit einem einfachen Verzicht auf Kunststoff ist es nicht getan“

17.06.2020 Der CDU-Politiker Uwe Feiler, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), im Interview über Systemrelevanz, die Rolle des Handels – und warum auch die Verpackungsindustrie in der Verantwortung steht.

Uwe Feiler, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL).
© Foto: BMEL/Laurence Chaperon
Uwe Feiler, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL).

 

Zum 1. Januar 2021 tritt in Tübingen eine Verpackungssteuer in Kraft, bei der es vor allem um Nahrungsmittel zum sofortigen Verzehr geht. Begrüßen Sie diese Maßnahme?

Wir alle sind aufgerufen, uns Gedanken über eine Reduzierung des Verpackungsaufkommens zu machen. Gleichzeitig haben Verpackungen aber ja einen Sinn. Sie schützen Lebensmittel vor Verderb oder tragen zu deren Haltbarkeit bei. Diese verschiedenen Zielsetzungen müssen wir im Blick haben. Mit dem Verpackungsgesetz und der Einwegkunststoff-Verordnung wird hier bundeseinheitlich bereits ja an Stellschrauben gedreht. Auch verfolgt unser Ministerium das Ziel, dass immer mehr Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. Da ist immer mehr möglich und die entsprechende Forschung unterstützen wir intensiv.

Welcher Stellenwert kommt aus Ihrer Sicht der Verpackungsindustrie in Deutschland zu? Anders gefragt: Ist die Verpackungsbranche systemrelevant?

Verpackungen sind kein Selbstzweck, einige ihrer Funktionen habe ich eben bereits ja benannt. Zudem sind sie wichtige Informationsträger, dienen den Verbrauchern somit als Orientierung und erleichtern unseren Einkauf. Wir sehen, woher ein Produkt kommt, was drin ist. Mit einem einfachen Verzicht auf Kunststoff ist es also nicht getan. Umso entscheidender ist ein umfassendes Recycling sowie die Entwicklung adäquater Alternativen.

Welche Rolle können in Ihren Augen Verpackungen bei der Vermeidung von Abfällen (weggeworfene Lebensmittel etc.) spielen? Wird zu viel auf den Handel abgewälzt?

Gut und richtig verpackte Lebensmittel halten länger. Und das beugt in der Tat Lebensmittelverschwendung vor. Ebenso klar ist aber, dass auch der Handel darüber hinaus aufgerufen ist, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren. Ziel unserer Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung ist eine Halbierung des Aufkommens bis 2030.

Unternimmt die deutsche Verpackungsindustrie im Sinne der Lebensmittelbranche Ihres Erachtens genügend Anstrengungen, um Ökologie und Ökonomie maximal zu vereinbaren?

Schauen wir auf die Zahlen: Pro Kopf und Jahr produzieren wir 220 Kilogramm Plastikmüll. Damit liegen wir weit über dem europäischen Durchschnitt. Ich meine, hier können und sollten wir besser werden – auch die Verpackungsindustrie steht hier in der Verantwortung.  Unser Ministerium hat hierzu entlang der Lebensmittelkette bereits zahlreiche Maßnahmen ergriffen und Projekte angestoßen. Den vermehrten Einsatz von Mehrwegverpackungen wollen wir etwa befördern, mit etwa drei Millionen Euro unterstützen wir Forschungsprojekte für die Entwicklung intelligenter und innovativer Verpackungen. Das sind zwei Beispiele – es tut sich hier eine Menge.

Zu guter Letzt: Welche Entwicklung in Sachen Verpackung halten Sie für die bedeutendste der vergangenen Jahre (zum Beispiel: Gewichtsreduktion, Recyclingfähigkeit)? Und auf welche hätten Sie gerne verzichtet (Trend zu To-Go, Einweg)?

Wir sehen, dass immer mehr Verbraucher auf den Onlinehandel setzen. Dadurch nimmt natürlich das Verpackungsaufkommen deutlich zu. Ich denke, hier müssen wir besser und innovativer werden. Und für den Kaffee für unterwegs muss es sicher auch nicht immer der Einwegbecher sein. Eine positive Entwicklung ist sicherlich, dass die Sicherheit von Lebensmittelverpackungen in den vergangenen Jahren verstärkt in den Fokus gerückt ist. Dies ist nicht zuletzt auch in den Initiativen unseres Ministeriums begründet, spezifische Regelungen für bestimmte Bereiche zu entwickeln, etwa für bedruckte Lebensmittelbedarfsgegenstände oder solche aus Recyclingpapier oder -Pappe. In die richtige Richtung gehen auch die Bemühungen hinsichtlich der Optimierung der Recyclingfähigkeit, sowohl im Bereich neuer Verbundwerkstoffe als auch bei den Trennmöglichkeiten vorhandener Verbundwerkstoffe.

Der Trend geht also zur Nachhaltigkeit?

Nachhaltige Verpackungen im weitesten Sinne werden immer wichtiger: Neben alternativen Materialien – etwa modifiziertes Papier, Naturfasern oder biobasierte Kunststoffe – legen Verbraucher immer größeren Wert auf Klimaneutralität, Wiederverwendbarkeit, Recyclingfähigkeit und minimalistische oder plastikfreie Verpackungen. Gerade biobasierte Kunststoffe haben handfeste ökologische Vorteile: Sie schonen die fossilen Ressourcen, sie lassen sich CO2-neutral entsorgen. Wir haben übrigens mit der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe eine eigene Ideenschmiede geschaffen, die solche Dinge voranreibt und in die Praxis bringt. Es ist erstaunlich, was hier möglich ist.

www.bmel.de

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