Die Verpackungsindustrie im Krisenmodus
Corona: Ist die Verpackungsbranche systemrelevant?

20.03.2020 Die Verpackungsbranche ist, wie weite Teile der globalen Industrie, im Krisenmodus. Das Coronavirus und seine Ausbreitung betrifft auch und vor allem die deutschen Verpackungshersteller, ihre Zulieferer, ihre Logistik.

Ist die Verpackungsbranche systemrelevant? Die Corona-Krise sorgt für ungeahnte Herausforderungen - auch in der Logistik.
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Ist die Verpackungsbranche systemrelevant? Die Corona-Krise sorgt für ungeahnte Herausforderungen - auch in der Logistik.

Eine besondere Rolle kommt in diesen harten Zeiten den Verbänden zu: Sie nehmen eine Leuchtturmfunktion ein, erteilen verbindliche Informationen, stehen ihren Mitgliedsunternehmen mit Rat und Tat zur Seite.

Gegenüber verpackungswirtschaft.de erklären zwei Geschäftsführer renommierter Verpackungsverbände, worauf es in diesen Tagen aktuell ankommt, mit welchen Prioritäten die Probleme abgearbeitet werden und wo der Schuh drückt – Krisenmanagement aus der Praxis. Klar ist: Mit der Aussicht, dass die EU-Kommission die Verpackungsbranche als Ganzes einheitlich womöglich als systemrelevant einstufen könnte, würden viele Lösungen einfacher. Eine entsprechende Initiative ist bereits im Gange.

Karsten Hunger, Geschäftsführer Industrieverband Papier- und Folienverpackung e.V. (IPV):

„Einige Mitglieder sind schon an uns herangetreten und haben gefragt, ob wir als Verband Informationen für sie haben. Die meisten Unternehmen und deren Geschäftsführer sind allerdings so damit beschäftigt, die Krise zu meistern, dass sie sich erstmal nicht an uns gewandt haben. Dennoch: Direkt nach der ersten Anfrage haben wir entschieden, wir agieren jetzt proaktiv. Für uns als Verband ist es zuvordererst die Aufgabe, zu erkennen, wo könnten Probleme entstehen – aus einzelnen Nachfragen zu schließen, was für die Allgemeinheit von Interesse ist. Deshalb haben wir zum Einen ein Merkblatt mit arbeitsrechtlichen Belangen erstellt: Was muss ich als Firma jetzt beachten? Was ist, wenn ein Mitarbeiter vor mir steht, der sagt, er hat Symptome? Wie sieht das mit der Kurzarbeit aus? Es soll eine Anleitung sein, an der man sich zum jetzigen Stand orientieren kann.

Das zweite IPV-Merkblatt für unsere Mitglieder dreht sich um die Zusammenhänge des Coronavirus’ mit Lebensmittel und Verpackungen, zum Beispiel: Können importierte Waren aus Regionen, in denen das Virus verbreitet ist, Quelle für eine Infektion beim Menschen sein?“ 

Kein Produktions-, sondern ein Logistikproblem?

„Kurzfristig sehe ich keine Probleme bei der Aufrechterhaltung der Lieferketten“, erläutert Hunger. „Was sich abzeichnet, ist kein Produktions-, sondern ein Logistikproblem. Die Lkws stehen an den Grenzen. Einige Lieferunternehmen und Speditionen scheinen sich zurückzuziehen, weil sie einfach nicht wollen, dass ihre Fahrzeuge tagelang an irgendwelchen Ländergrenzen warten. Das ist ein Problem. Und die Fahrer selbst haben nachvollziehbarerweise Sorge, in Risikogebiete zu fahren und gegebenenfalls in vorsorgliche Quarantäne genommen zu werden. Dies ist kritisch, da Verpackungen essentiell, beispielsweise für das Aufrechterhalten der Lebensmittel- und Arzneimittelversorgung, sind. Deswegen haben die europäischen Papierverarbeiter in Brüssel bei der EU-Kommission einen Antrag gestellt, die Verpackungsbranche als Ganzes europäisch einheitlich als systemrelevant einzustufen – und somit den freien und zügigen Warenverkehr sicherzustellen. Dann könnten Waren schneller von A nach B transportiert werden und die europäischen Lieferketten bleiben intakt.“

Christian Schiffers, Geschäftsführer FFI Fachverband Faltschachtel-Industrie e.V.:

„Wir als Verband müssen im Moment aus der Hüfte schießen. Es dreht sich nahezu alles um Corona. Zu Beginn ging es vor allem um die Frage, ob die Viren über Lebensmittelverpackungen übertragbar sind. Da gibt es ja mittlerweile vom BfR, dem Bundesinstitut für Risikobewertung, entsprechende Stellungnahmen. Der nächste Themenkomplex aufseiten unserer Mitglieder waren dann mögliche Lieferausfälle oder Engpässe. Wie sieht das Ganze haftungsrechtlich aus? Mittlerweile sind es Fragen in Bezug auf grenzüberschreitendem Warenverkehr, also Versorgung mit Rohstoffen. Wird es da zu Engpässen in der Produktion kommen? Des Weiteren beschäftigt unsere Mitglieder derzeit die Überlegung: Wie betreibe ich eigene Pandemie-Risikovorsorge? Das heißt konkret: Hygienepläne, Mitarbeiterunterweisung, Besuchermanagement.“

Die Produktion läuft – dank regem Orderverhalten der Kundschaft

„Ein weiterer Aspekt ist natürlich das ganze Thema Kurzarbeit: Falls die Produktion steht, aus welchen Gründen auch immer, was passiert dann mit meinen Mitarbeitern? Wie sehen da die unternehmerischen Verpflichtungen aus?“, berichtet Schiffers. „Allerdings: Meiner Wahrnehmung zufolge haben wir dieses Thema in der Praxis bei uns gar nicht. Die Produktion läuft. Es ist sogar eher so, dass die Kunden, im Rahmen des eigenen Risikomanagements, derzeit mehr ordern – die  wollen ihre Lager auffüllen. Es ist ja momentan auch ein massiver Konsum aufseiten des Endverbrauchers da. Es gibt also ein verstärktes Orderverhalten. Die durchschnittlichen Lieferzeiten für die von uns benötigten Rohmaterialien verlängern sich – nach allem, was man so hört.“

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