Die Branche im Krisenmodus
Diva ohne Hoffnung

03.09.2020 Hinter der Verpackungsbranche, und beileibe nicht nur hinter der, liegen wilde Monate. Unser Redakteur Matthias Laux blickt ganz persönlich zurück – und nach vorn.

Die Maske: Sinnbild für ein ganzes Jahr?
© Foto: imago images / Christian Spicker
Die Maske: Sinnbild für ein ganzes Jahr?

Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist meine kleine Tochter gerade mal vier Monate alt. Geboren inmitten einer grassierenden Pandemie. Die ersten Fotos des Lebens umringt von glücklichen Menschen mit Maske, der große Bruder dauernd zuhause, weil der Kindergarten geschlossen ist. Es. Darf. Alles. Nicht. Wahr. Sein. Corona.

In der vorvergangenen Woche war ich zum ersten Mal mit meinem lieben Kollegen aus Franken wieder gemeinsam in unserem Büro an der Frankfurter Galluswarte. Abstand. Desinfizieren. Fenster auf. Oder am besten gar nie mehr schließen. Die Organisation unseres Redaktionsalltags im Home Office hat dank Telefon, Mails, Skype und anderen digitalen Behelfnissen meist ganz gut geklappt – doch irgendetwas hat dann doch gefehlt. Bitte schreiben Sie mir sofort, wenn Sie es anders sehen, aber: Diese Zeit im März, April dieses Jahres, sie scheint aus heutiger Sicht dann doch irgendwie ganz weit weg. Völlige Isolation, kaum soziale Kontakte, und das Schlimmste: diese Ungewissheit, ob und wie alles weitergeht.

Die Leitungen nach Berlin glühten

Ein wunderbares Abbild dieser so verrückten wie furchteinflößenden Wochen ist im Nachhinein das Archiv meines elektronischen Postfachs. Dort zu finden sind unter anderem hektisch verfasste Mails von Vertretern bedeutender Verpackungsverbände, deren lange Arbeitstage sich plötzlich, von einem Tag auf den anderen, fast komplett um die Frage drehen, wie der Verpackungsindustrie das offizielle und händeringend benötigte Prädikat „systemrelevant“ anzuheften sei. Die Leitungen in die Bundesministerien nach Berlin glühten. Ich erinnere mich noch gut an das Telefonat mit einem schier gänzlich verzweifelten Verantwortlichen aus der Branche an einem fortgeschrittenen Abend, der auf die Minute runterrattern konnte, wie lange gerade welcher LKW mit welcher Fracht an welcher Grenze warten muss. Die Verpackungsverbände wurden innerhalb weniger Stunden mit voluminösten Fragenkatalogen ihrer Mitglieder bombardiert, der Wissensdurst, der Informationsbedarf in dieser für alle unbekannten Lage war riesig. Für die adäquate Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, pharmazeutischen Produkten und sonstigen Gütern des täglichen Bedarfs waren Verpackungen unerlässlich, so viel stand und steht fest. Doch alleine die Frage, ob die Corona-Viren über Lebensmittelverpackungen übertragbar sind, beschäftigte Industrie, Gesellschaft, Konsumenten und Politik. Bis das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) entsprechende Stellungnahmen lancierte.

Zwischen Kurzarbeit und Sonderschichten

Aufseiten der Verpackungsproduzenten, so zumindest meine Wahrnehmung, gab es in besagten Monaten aus Sicht des an Sturm und Hektik durchaus gewöhnten Berichterstatters grob gesprochen zwei Fraktionen: jene, die gar nicht mehr zu erreichen waren, weil der Auftragseingang aus allen Nähten platzte, das Arbeitspensum schier explodierte, Sonderschichten zum Regelfall wurden. Insbesondere die Lieferanten der Lebensmittelindustrie und des Handels firmieren in dieser Gruppierung. Und auf der anderen Seite jene, die ebenfalls nicht mehr zu erreichen waren – allerdings, weil die Kurzarbeit sie aus dem Verkehr gezogen hat. Pause. Rien ne va plus. In meiner Erinnerung hängengeblieben ist diesbezüglich vor allem ein sehr schwerfälliges Telefonat mit einem Beschäftigten aus dem gehobenen Management eines Produzenten von Industrieverpackungen, der hauptsächlich Automobilzulieferer bedient. Der sonst so redselige Gesprächspartner, Anhänger eines tief in der Krise steckenden Fußball-Traditionsvereins aus dem Ruhrpott, hatte nun wahrlich ein weiteres, schweres Päckchen zu tragen. Als jahrzehntelanger Fan des 1. FC Kaiserslautern war ich hingegen in dieser Situation auch kein verlässlicher Trostspender.

Nie mehr Dritte Liga?

Jetzt also die „neue Normalität“. Also nicht beim 1. FCK, um Himmels Willen, diese Hoffnung habe ich bei der launischen und chronisch klammen Diva vom Betzenberg längst aufgegeben, sondern in Sachen beruflicher Alltag. Die Verpackungsbranche, und nicht nur die, berappelt sich. Und auch wenn die Corona-Fallzahlen vielerorts wieder steigen und bedrohliche Ausmaße annehmen sollten, so ist die Situation mit der im März kaum vergleichbar. Gefühlt und faktisch. Positiv: Die Kontakte in die Industrie, zu Verbänden, Produzenten und Maschinenbauern haben sich meines Erachtens intensiviert. Das gemeinsame – und anhaltende – Durchschreiten einer solch epochalen Krise wirkte in meinen Augen wie eine riesige Teambuilding-Maßnahme. Seht her, wir haben es zusammen gepackt! Und verpackt natürlich auch.

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