Der Handel und Covid-19
Mehrgeschäft mehr Fluch als Segen

16.06.2020 Das Zusatzgeschäft in Corona-Zeiten entpuppt sich für viele Hersteller mehr als Fluch denn als Segen. Aufgrund steigender Kosten bleibe für viele unterm Strich kaum etwas hängen.

Die Vorratskäufe während der Corona-Krise lassen Hersteller entgegen der meisten Erwartungen nicht jubilieren.
© Foto: Imago Images/Geisser
Die Vorratskäufe während der Corona-Krise lassen Hersteller entgegen der meisten Erwartungen nicht jubilieren.

Knapp kalkulierende Handelsmarkenhersteller treffe das besonders, aber auch Markenhersteller rechneten mit harten Jahresgesprächen, berichtete die Lebensmittelzeitung.

Nachfrage ohne Ende und liefern am Limit: Für Außenstehende erschien die Lebensmittelindustrie in den vergangenen Wochen als Krisen-Gewinner. Doch der Schein trügt. Vor allem Handelsmarkenhersteller blicken kritisch auf die Boomphase. „Am liebsten hätten wir auf das Mehrgeschäft verzichtet", berichtet ein Manager eines Handelsmarkenherstellers.

Denn so gut wie jeder Posten in der Kalkulation sei nach oben geschnellt: Logistik, Personal, Rohware, Verpackungsmaterial. Von Frachtaufschlägen von bis zu 200 Prozent bei grenzübergreifenden Lieferungen ist die Rede. Sonderschichten und Wochenendzuschläge taten ihr Übriges. „Nicht rentabel“, fasst es ein anderer Eigenmarkenhersteller zusammen. Obwohl sich die Situation zuletzt etwas entspannt habe, bleibe ein Teil der Kosten über dem Vorkrisen-Niveau.

Die Markenindustrie ist ebenfalls in Sorge. Frosta-Vertriebschef Hinnerk Ehlers berichtet von „deutlich höheren Kosten in der gesamten Lieferkette“. Allein die Produktionskosten haben sich laut dem Frosta-Manager um etwa 5 Prozent erhöht. „Das setzt uns unter Druck, die Preise auch unterjährig anzuheben. Derzeit sind wir dazu mit dem Handel in Gesprächen“, berichtet Ehlers.

Harte Jahresgespräche erwartet

Die seit jeher schwierigen Verhandlungen dürften durch die Corona-Krise nochmals an Schärfe gewinnen. Händler stehen derzeit unter Druck, Verbraucher wieder in die Geschäfte zu locken. Dementsprechend fürchten einige Hersteller bereits einen Preiswettbewerb ungeahnten Ausmaßes. Die Auswirkungen dürfte die Industrie zu spüren bekommen. „Die kommenden Jahresgespräche werden besonders hart, denn dann zeigt sich, was Corona die Branche aufgelaufen wirklich gekostet hat“, mutmaßt ein Lieferant. Bei einigen Herstellern haben Händler nach LZ-Info schon in den vergangenen Wochen das Zusatzgeschäft unmittelbar in bessere Einkaufskonditionen ummünzen wollen.

Die geplante Mehrwertsteuersenkung könnte sich mit Blick auf die Erträge ebenfalls als Bärendienst erweisen – viele Lieferanten gehen davon aus, dass der Handel abrunden und sich die Lücke von der Industrie bezahlen lässt.

Getränkeindustrie fehlen die Gastro-Margen

Die stark vom Shutdown getroffene Getränkeindustrie steht unter besonderem Ergebnisdruck. Schließlich steht die Gastronomie nicht nur für einen relevanten Teil der Erlöse, sondern oft auch für die höhere Wertschöpfung – das gilt für Fassbier ebenso wie für die 0,2-Flasche Cola oder den Organgensaft an der Hotelbar. „Auch wenn die Menschen in den kommenden Monaten zuhause mehr Saft trinken, müssen wir davon ausgehen, dass von jedem Euro Umsatz, der sich vom Außer-Haus-Geschäft in den LEH verlagert, unter dem Strich weniger übrig bleibt“, sagt Eckes-Granini-Chef Thomas Hinderer. „Das betrifft vor allem unser Geschäft in den von Corona besonders stark betroffenen Ländern wie Frankreich, Italien und Spanien“. Zudem würden die Corona-bedingten Zusatzkosten in der Produktion und in der Beschaffung in diesem Jahr auf die Erträge drücken.

Axel Dahm, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bitburger Braugruppe, bezeichnet die Kostensteigerung als „enorm“ und sieht die Erträge ebenfalls überproportional unter Druck geraten: „Die Braubranche ist wirtschaftlich in einem noch nie dagewesenen Umfang von der Krise und ihren Folgen betroffen.“ Im Handel hält er bis Jahresende eine wachsende Nachfrage im einstelligen Prozentbereich für realistisch. Allerdings zeige sich kurzfristig – schon vor einer Mehrwertsteuersenkung – „eine deutliche Zunahme des Aktionsgeschäfts und Preiswettbewerbs für Bier quer durch den Handel“.

Seit das Hamstern vorbei ist, soll auch billiges Bier die Leute wieder in die Läden locken. So bietet beispielsweise Netto diese Woche drei Kisten Warsteiner zum Preis von zwei an. Das hehre Ziel der Brauer, mit Bier gutes Geld zu verdienen, dürfte dieses Jahr wieder ein Stück weit schwieriger werden – trotz der Zusatzumsätze.

Die Brauerei Veltins beobachtet seit Mitte Mai eine wachsende Nachfrage im Handel und geht davon aus, dass das auch so bleiben wird. „Durch das stark spürbare Zuhausebleiben vieler Haushalte wird die im Einzelhandel abverkaufte Menge in den nächsten Wochen höher ausfallen“, sagt Marketing- und Vertriebschef Volker Kuhl. Man habe die Brau- und Abfüllpläne bereits auf die erforderlichen Mengen angepasst. „Jetzt geht es darum, rechtzeitig genügend Leergut bereitzustellen.“ Hier tut sich für Brauereien schon der nächste Kostenpunkt auf: das Leergut wird knapp. Der Brauereiverband Nordrhein-Westfalen hat deshalb diese Woche einen Aufruf zur Leergut-Rückgabe gestartet.

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