Paccor/Academic Society for Health Advice
CO2-Bilanz: Papier besser als Kunststoff?

05.11.2020 Der weltweit steigende Papierverbrauch – insbesondere zur Herstellung von Verpackungen – fördert die Abholzung von Wäldern und den Anstieg von CO2 in der Atmosphäre. Darauf weist die Academic Society for Health Advice, Sudiengesellschaft für Gesundheitsberatung e.V. in Hamburg hin.

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Die vermeintlich umweltfreundliche Papiertüte entpuppe sich damit als Treiber des Klimawandels. Verpackungen aus Kunststoff durch solche aus Papier zu ersetzen, sei ein Holzweg, so die Paccor-Initiative.

Wälder hätten entscheidenden Einfluss auf das Klima unseres Planeten. Wo Wälder wachsen, verwandeln sie CO2 in Biomasse – etwa gleich viel gebundener Kohlenstoff steckt in lebenden Pflanzen und im Humus – und wirkten so der Erderwärmung entgegen. Nach Schätzungen des World Resources Institute absorbierten die Wälder der Welt derzeit 30 Prozent aller CO2-Emissionen. Umgekehrt gehe rund ein Fünftel der globalen Treibhausgas-Emissionen auf das Konto von Abholzung und Schädigung von Wäldern. Nach Meinung vieler Klimaforscher lasse sich die Erderwärmung nur dann unter zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter begrenzen, wenn es gelingt, den Waldverlust zu stoppen. Daher enthalte die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen ein Programm namens REDD, das auf ein Ende der Waldvernichtung zur Verringerung der CO2-Emissionen abzielt.

Die Vernichtung der Wälder geht weiter

Tatsächlich gehe die Entwaldung (Deforestation) ungebremst weiter – mit katastrophalen Folgen für die globale Biodiversität, so die Initiative. 2018 wurden 30 Millionen Hektar Wald vernichtet, eine Fläche so groß wie Großbritannien und Irland zusammen. Ein Drittel davon seien Urwälder, die als langfristige Kohlenstoffspeicher besonders effektiv dem Klimawandel entgegenwirken. Fatal sei auch die Umwandlung von Wäldern in Plantagen, die deutlich weniger CO2 binden als artenreiche Wälder. Die Gründe für die Deforestation sind der Studiengesellschaft zufolge vielfältig: Früher galten Flächenverbrauch und Brandrodungen durch die wachsende Weltbevölkerung als Hauptursachen der Waldvernichtung. Laut einer Forschungsstudie der Union of Concerned Scientists (Vereinigung besorgter Wissenschaftler) seien heute jedoch die industriell betriebene Landwirtschaft – allen voran Sojaproduktion, Rinderzucht und Weidewirtschaft – sowie der Holzhandel hauptverantwortlich für die weltweite Waldzerstörung.

Papierverbrauch beschleunigt die Deforestation

Nach Schätzungen der UN-Landwirtschaftsorganisation (FAO) würden etwa 40 Prozent der Bäume, die für industrielle Zwecke geschlagen werden, zu Papierprodukten verarbeitet. Denn ungeachtet der Digitalisierung nehme der weltweite Papierverbrauch stetig zu – und so auch die damit verbundene Emission klimaschädlicher Gase: Allein die deutsche Papierindustrie erzeuge durch den Einsatz fossiler Brennstoffe zur Herstellung von Papierprodukten im Jahr 2018 einen Ausstoß von 13,8 Millionen Tonnen CO2. Dies ergab eine Anfrage der umweltpolitischen Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Bettina Hoffmann, an die Bundesregierung im letzten Jahr. Um dieser Entwicklung entgegenzutreten, plädierte Hoffmann für ein gesetzlich verankertes Abfallvermeidungsziel, das auch Papier und Pappe umfasse.

Papierverpackungen heizen die Erderwärmung an

2018 belief sich die globale Produktion von Papier, Karton und Pappe auf rund 420 Millionen Tonnen. Während der Bedarf an Zeitungs- und Druckerpapier rückläufig ist, steige derjenige von Papier-, Papp- und Kartonverpackungen stetig an und macht inzwischen rund 55 Prozent des weltweiten Papierverbrauchs aus. Laut einer Analyse des Umweltbundesamtes (UBA) liege dies vor allem an den wachsenden Mengen von Pappbechern und -tellern für Speisen „to go“, für Verpackungen im Lebensmittelbereich sowie für Päckchen und Pakete im Online-Handel. Das Problem sei: Papier hat eine kurze Lebensdauer. Im Durchschnitt sei die Hälfte der Produkte in nur zwei Jahren verbraucht. Auch deren Entsorgung fördere die Erderwärmung, denn bei der Verbrennung wird das einstmals von den Bäumen gebundene CO2 wieder frei. Ließe man sie aber verrotten, so entstünden durch biologische Abbauprozesse Methan, das 25-mal mehr zum Treibhauseffekt beiträgt als CO2. „Um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, müssen wir uns sofort von der Nutzung von Holz bzw. Bäumen zur Herstellung von Verpackungen, die schnell im Müll landen, verabschieden und stattdessen den Schutz von Wäldern vorantreiben“, mahnt denn auch die Koordinatorin von Environmental Paper Network International, einem Zusammenschluss von über hundert Umweltschutzorganisationen.

Kunststoff kann ein Teil der Lösung sein

Drei Wege führen nach Meinung der Studiengesellschaft aus der Sackgasse: Vermeiden, Wiederverwerten und Ersetzen. Bei der Suche nach alternativen Verpackungsmaterialien schneiden die bei vielen Verbrauchern verpönten Kunststoffe besser ab als erwartet. Zwar verbrauchten auch Kunststoffe Energie, Wasser und Rohstoffe und trägen zum Ausstoß von Treibhausgasen bei. Beim direkten Vergleich der klimaschädlichen Emissionen, die bei der Rohstoffgewinnung, Herstellung und Entsorgung von Verpackungen entstehen, zeigten Kunststofftüten allerdings eine deutlich günstigere CO2-Bilanz als Papiertüten. Eine Reihe von wissenschaftlichen Studien aus Schottland, Frankreich und den USA kamen zu dem Ergebnis, dass gebräuchliche Einkaufstaschen aus Papier über ihren gesamten Lebenszyklus – je nach Studie – 2- bis 3,3-mal mehr CO2-Äquivalente erzeugten als konventionelle Tüten aus Polyethylen.

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