1. Fachkongress Packaging 360°
Nachhaltigkeit anpacken – anders verpacken

29.11.2018 Nachhaltigkeit war eines der ganz großen Themen auf dem Kongress Packaging 360° in Frankfurt. Das Credo der Verpackungsprofis lautete: Wir müssen den Kunststoffen einen Wert geben, statt sie verbannen zu wollen. So werde am besten ökologisch nachhaltig gehandelt.

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Beim Waldspaziergang mit seinen beiden Hunden entdeckte er immer wieder achtlos weggeworfenen Plastikmüll, darunter Tüten aus seinem Edeka-Markt: „Das hat mich getroffen“, erzählte Jan Meifert (36). Für den selbstständigen Edeka-Kaufmann aus Neumünster war der Punkt erreicht, an dem er das Thema Nachhaltigkeit konsequent anpacken wollte. „Nicht reden, machen!“ lautete daher seine Forderung.

Experten aus Industrie, Handel, Wissenschaft und Dienstleistungsgewerbe sprachen im Steigenberger Airport Hotel über Potenziale im Packaging. Der persönliche Bericht des „Edekaners“ Jan Meifert, der alle Plastiktüten aus seinen Märkten verbannt hat und mit der Umweltorganisation WWF kooperiert, berührte das Fachpublikum.

Warum stehen Kunststoffverpackungen überhaupt im Fokus?

Auch diese Frage beleuchteten die Experten in ihren Fachvorträgen und in den Diskussionsforen, die von Packreport-Publisher Matthias Mahr sowie Bernd Biehl, stellvertretender Chefredakteur Lebensmittel Zeitung, moderiert wurden. Verpackungen nehmen 40 Prozent des Kunststoffverbrauchs ein. Mehr als 8 Millionen Tonnen Plastik landen jährlich in den Ozeanen. Andere aktuelle Zahlen brachte auch Dr. Thorsten Leopold, Leiter internationale Verpackungsentwicklung Laundry & Home Care, Henkel AG & Co. KGaA, mit: „Im Jahr 2050 könnte es mehr Kunststoff als Fische in den Weltmeeren geben“, so eine Prognose der Ellen MacArthur Foundation. Weltweit würden nur 14 Prozent der Plastikverpackungen gesammelt und recycelt. Daher sei Nachhaltigkeit ein sehr großes Thema beim Waschmittel-Hersteller Henkel.

Henkels Verpackungsstrategie ist in einer zirkulären Wertschöpfungskette eingebettet, erklärte Leopold. Er nannte einige der großen Henkel-Nachhaltigkeitsziele: bis 2025 sollen 100 Prozent der Verpackungen recycelbar, wiederverwendbar oder kompostierbar sein. Bis dahin soll eine Milliarde Verbraucher durch gezielte Information zum Thema Recycling erreicht werden. Leopold nannte auch Beispiele für intelligentes Verpackungsdesign, das Material einspare. So beispielsweise „gesleevte“ Verpackungen: Der Kunde soll den eingebauten „Reißverschluss“ einer Verpackung öffnen können, um diese richtig zu trennen und zu entsorgen. Recycelte oder erneuerbare Verpackungsmaterialien haben häufig andere Eigenschaften als neue Rohstoffe, beispielsweise in Hinblick auf die Stabilität oder Optik. Der Einsatz von Rezyklat sei daher auch eine Herausforderung für die Industrie, gab Leopold zu Bedenken. Oftmals gebe es einen störenden Eigengeruch. Und: Gutes Rezyklat sei teurer als Neuware. Um so genanntes Primärmaterial in den Verpackungen von Henkel zunehmend zu ersetzen, komme es daher zunehmend auf intelligente Verpackungsdesigns an. Deshalb legt Henkel zukünftig einen noch größeren Fokus auf Produktdesigns, die von Anfang an eine Kreislaufwirtschaft ermöglichen.

„Verpackung und dessen Footprint sind nicht das größte Problem“,

sagte Dr. Christian Detrois, Corporate Packaging Manager bei Nestlé Deutschland. Auch Nestlé wolle das Verpackungsmaterial reduzieren und verfolge viele nachhaltige Ziele. Den größten Teil des ökologischen Fußabdrucks mache jedoch das Produkt selbst aus. „Kunststoffe sind auch nicht das Problem. Die größte Herausforderung ist, dafür zu sorgen, dass Kunststoffe nicht in die Umwelt gelangen“, so Detrois. Plastik zu verbannen, sei also nicht die Lösung. Sein Lösungsvorschlag: „Dem Verpackungsmaterial einen Wert geben.“ Seitdem in Polizeimeldungen immer wieder zu lesen sei, dass Kupferrohre und Blitzableiter gestohlen werden, wisse die Öffentlichkeit: Kupfer hat einen Wert. Kunststoffverpackung müsse also als wertvoll wahrgenommen werden. Zudem könne kein Beteiligter in der Wertschöpfungskette allein das Problem lösen: Nestle sei bereit, seinen Beitrag zu leisten. Es müsse noch sehr viel getan werden, sagte Dr. Martina Beermann, die für den WWF Deutschland, die Partnerschaft mit Edeka verantwortet. „Mir fehlt die Kommunikation einer Nestle, die der der Verbraucher versteht und mir fehlt eine globale Lösung.“
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Eine Story, ein Produkt und eine digitale-mediale Reichweite: Das sind die Zutaten für Erfolgsrezepte von Produkten wie „Langhaarschwestern“, eine neue Eigenmarke des Drogerieunternehmens dm. Das Shampoo, das insbesondere über Social Media wie „Instagram“ vermarktet wird, ist ein Verkaufsschlager. Influencer stellen im Netz ihre Tests vor, die wiederum für eine größere Reichweite sorgen. „Digitalisierung ist mehr als nur ein Online-Shop”: Das erklärte Kerstin Erbe, Geschäftsführerin Produktmanagement der dm-drogerie markt GmbH + Co. KG. „Die Digital Natives haben neue Anforderungen an Marke und Produkte.” Für diese Generation müsse der Handel die Verschmelzung der physischen und realen Welt ermöglichen: Über das Produkt können sich Kunden Online-Videos anschauen, die nicht nur informieren, sondern viel mehr unterhalten. Auch wenn das Produkt dann im stationären Geschäft gekauft wird, wird per Smartphone bezahlt: Der Kunde werde sich immer mehr aussuchen, wie er wann die beiden Welten verschmelzen lässt. Das sei eine Chance für dm, so die Geschäftsführerin. “Die Digitalisierung eröffnet uns neue Wege der dialogischen Kommunikation und Kundenansprache.” Über Facebook haben die dm-Eigenmarken laut Kerstin Erbe mehr als drei Millionen Fans, über Instagram 1,4 Millionen. Auf dem Kongress in Frankfurt sagte Erbe: “Jetzt denke ich, wir könnten beim Thema Verpackungen noch mehr machen.” Die Interaktion mit dem Kunden laufe schließlich auch über die Verpackung – auch in der digitalen Welt.


Doch was bedeutet Digitalisierung konkret und welche Projekte gibt es beim Thema Verpackung beispielhaft?

Nicht nur die Kosmetikbranche liefert neue digitale Ideen für Produkte, die Süßwarenproduzenten zeigen auch, wie es gehen kann. Thomas Reiner, CEO von Berndt & Partner Group, einer Agentur für Verpackungsdesign, stellte Beispiele vor. Es sind Musterbeispiele für die Verpackung als Markenbotschafter oder auch als „stiller Verkäufer“. In Nordamerika verkauft Mondelez die Oreo-Kekse in individuellen Verpackungen. „Die Verpackung ist die Bühne“, sagte Reiner. Per Mausklick kann der Kunde seine eigene Verpackung gestalten, also Farbe, Muster und Schrift auswählen, zusammenstellen und diese dann in Auftrag geben. Cadbury verbindet Schokoladenliebhaber per QR-Code miteinander, wenn diese ihr Smartphone entsprechend einschalten. Die Kunden kommunizieren miteinander und essen dabei „gemeinsam” eine Schokolade. Auch Coca Cola habe mit seiner neuen Kampagne, der „trinkbaren Werbung“ ein Meisterstück geliefert, so der Experte. An originellen Beispielen mangele es nicht, sagte Reiner: Die Supermarktkette Carrefour honoriert Kunden mit einer Kryptowährung, wenn sie Verpackungen zurückbringen. Doch Originalität hin oder her: Letztendlich handele es sich in den genannten Beispielen um gute Marketing-Konzepte, die “nur” digital umgesetzt werden und eine große Reichweite erhalten. „Verpackung wird der Spielball dazu. Verpackung muss viel verspielter, viel agiler werden“, forderte Reiner. Allgemein empfiehlt er der Industrie und der Verpackungsbranche Prozesse zu digitalisieren und dann zu automatisieren. „90 Prozent des Problems haben mit Abläufen, nicht mit Technik zu tun.“ Und: „Der beste RoI (Return of Investment) ist, wenn ich digital denke.”

Digital denken: Das wird im Zusammenhang mit Industrie 4.0 erheblich steigern, sagt Dr. Volker Lange, Leiter Verpackungs- und Handelslogistik AutoID-Technologien vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik. Er sprach über die Integration von IT in logistische Systeme. Tracking ist ein Beispiel hierfür: Paletten-Bestände werden heutzutage exakt erfasst und verbucht. Sensorik und Kommunikationselemente ermöglichen das direkte Abgreifen von Informationen direkt an der Maschine und die Übermittlung der gesammelten Daten. Lange erklärte: Die analoge Welt der Verpackung frage, was die Palette koste. Die digitale Welt der Daten will wissen: Was bringen die Daten? Das Frauenhofer IML forscht an neuen Technologien, um herkömmliche Palettensysteme mit IT so auszustatten, dass neue Abläufe ermöglicht werden. Auch hier stecke noch viel Potenzial.

Quelle: packaging-360.com
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