Wie gefährlich sind Mineralölbestandteile?

Nach wiederholten Funden von Mineralöl in Lebensmitteln

Mineralöl – eigentlich gehört es in den Tank, es steckt aber in vielen, gesunden Lebensmitteln. Zum Beispiel in Müsliriegeln, Reis, Haferflocken oder Schokolade, wie die jüngsten Funde Ende Juli zeigen. Auch in vielen Lebensmittelverpackungen lassen sich Rückstände von Mineralöl nachweisen. So weisst die Stiftung Warentest zum Beispiel regelmäßig auf Rückstände von Mineralöl in Schokoladen-Adventskalendern hin. Doch wo kommen die Mineralölbestandteile eigentlich her und wie gefährlich sind sie tatsächlich für uns Menschen? Die Redaktion von Verpackungswirtschaft.de hat den aktuellen Stand der Dinge zusammengefasst.

Wie kommt Mineralöl in die Nahrungsmittel?

Das wissen wir heute bereits sehr gut. Die Mineralölfraktionen kommen auf vielfältige Art und Weise in die Nahrungsmittel. Und nicht immer über die Verpackung. Bei der Produktion etwa können Schmieröle von Maschinen in die Ernte gelangen. Aber auch beim Transport der Produkte: Jute-/Sisalsäcke und Wellpappkartons können mit Mineralöl belastet sein. Denn ein Großteil der Verpackungen besteht aus recyceltem Karton. Darin sind viele mit Mineralöl bedruckte Zeitungen verarbeitet. Weitere Eintragsquellen können zum Beispiel direkt auf die Verpackung aufgebrachte Druckfarben, Lacke, Kunststoffmaterialien, Beschichtungen, gewachste Papiere oder Klebstoffe sein.

Gleichzeitig handelt es sich bei Mineralölen nicht um eine chemisch klar definierte Substanz, sondern um eine höchst komplexe Zusammensetzung verschiedenster Kohlenwasserstoffe. Das macht die Bestimmung, Analyse und toxikologische Bewertung des jeweiligen Materials sehr kompliziert.

Was macht die Forschung?

Rückblick: Im Jahr 2009 hat das Bundesinstitut für Risikobewertung BfR - basierend auf Untersuchungsergebnissen des schweizerischen Kantonalen Labors Zürich - auf das Problem des Übergangs von Mineralölbestandteilen in Lebensmittel aufmerksam gemacht. Seit Anfang 2010 wird das Thema breit diskutiert. Anlass dazu gaben Hinweise des Kantonalen Labors Zürich, wo mit Hilfe einer dort neu entwickelten, modernsten Analysenmethode die Problematik der Kontamination von verpackten Lebensmitteln mit sogenannten MOSH (Mineral Oil Saturated Hydrocarbons) sowie in geringerem Umfang mit MOAH (Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons) identifiziert wurde.

Im Januar 2017 hat die Europäische Kommission die Empfehlungen für ein europaweites Monitoring des Vorkommens von Mineralölkohlenwasserstoffen in Lebensmitteln veröffentlicht. Aktuell fehlen die dringend erforderlichen technischen Leitlinien zur europaweit einheitlichen Anwendung der Untersuchungsmethoden.
Zurzeit laufen noch weitere, von der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA in Auftrag gegebenen Untersuchungen zu aliphatische Kohlenwasserstoffen und wie diese bewertet werden müssen.

Wie gefährlich sind Mineralölbestandteile?

In den letzten Jahren wurden in diversen Testreihen Ratten mit extrem hohen Dosen Mineralöl gefüttert und später gemessen, wie viel davon und welche Substanzen sich in ihren Organen anreichern. Gleichzeitig hat man Mineralöl-Rückstände in menschlichen Organen untersucht. Das Ergebnis ist tatsächlich alarmierend und wurde Ende 2016 von der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA veröffentlicht. Die Konzentrationen, die sich über Jahre bei uns Menschen ansammeln, sind demnach erheblich höher als erwartet. Bis zu 13 Gramm Mineralöl kann sich im Laufe unseres Lebens im Körper anreichern. Wie sich die einzelnen Fraktionen jedoch auswirken, darüber gibt es in der Wissenschaft nach wie vor Uneinigkeit.

Abschätzungen zu folge werden täglich über die Nahrung zwischen 0,03 und 0,3 mg MOSH je Kilogramm Körpergewicht aufgenommen, bei Kindern kann die Aufnahme auch höher sein (EFSA, 2012). Die Aufnahmemenge an MOAH liegt nach Schätzungen der EFSA zwischen 0,006 und 0,06 mg je Kilogramm Körpergewicht. Für ein 10 kg schweres Kind bedeutet dies eine tägliche Aufnahme von bis zu 3 mg MOSH und 0,6 mg MOAH.

Anhand der von Stiftung Warentest übermittelten Daten aus den Funden in Adventskalendern hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) eine Einschätzung des gesundheitlichen Risikos von Mineralölbestandteilen in Schokolade vorgenommen. Nimmt man den „Worst Case“ an und berechnet den Gehalt des einzelnen Schokoladeteilchens aus den untersuchte Kalendern mit den höchsten Gehalten von ca. 7 Milligramm je Kilogramm Schokolade, so ergibt sich ein Gehalt von 0,022 Milligramm aromatischer Kohlenwasserstoffe (MOAH) je Schokoladenteilchen. Aus diesem Gehalt ergibt sich unter der Annahme des Verzehrs von einem Schokoladenteilchen pro Tag nur ein sehr geringer zusätzlicher Anteil zu der von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA 2012) abgeschätzten täglichen Aufnahme von aromatischen Mineralölkohlenwasserstoffen über die Nahrung. Der Anteil an der Hintergrundbelastung ist zwar gering, dennoch sind aromatische Kohlenwasserstoffe in Lebensmitteln unerwünscht, weil von einem krebserregenden Potenzial der Substanzen ausgegangen werden muss.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist daher der Auffassung, dass der Übergang von Mineralölen auf Lebensmittel dringend minimiert werden sollte. Für die besonders gefährlichen, potentiell krebserregenden und erbgutverändernden aromatischen Mineralöle (MOAH) heißt es beim BfR sogar, dass kein nachweisbarer Übergang auf Lebensmittel stattfinden sollte.

Was macht eigentlich die Industrie?

Der Einsatz von Frischfaser- statt Recyclingkarton wird von vielen Lebensmittelherstellern eingeführt. Da Mineralölbestandteile aber auch aus anderen Quellen eingetragen werden können, ist dies nur eine Teillösung. Sie wird vom Umweltbundesamt auch nicht präferiert, weil die Verwendung von recyceltem Altpapier umweltfreundlicher und nachhaltiger ist.

Die Umstellung auf mineralölfreie Druckfarben beim Bedrucken von Verpackungen – auch dies wird in der Regel von der Lebensmittelwirtschaft bereits umgesetzt. Gleiches gilt für Klebstoffe und andere Veredelungsstoffe wie z-B. Lacke.

Einen Einsatz von geeigneten Barrieren zwischen Lebensmittel und Verpackungskarton z.B. Beschichtung der Kartoninnenseiten durch geeignete Folie oder Nutzung von entsprechenden Innenbeuteln. Die Entwicklung migrationsdichter Folien bzw. Beschichtungen ist derzeit Gegenstand intensiver Forschungsarbeiten in der Verpackungsindustrie, weil produktspezifische Qualitätsanforderungen zu berücksichtigen sind. Nachteile: Verbundverpackungen sind schlechter recyclefähig und die Aluminiumproduktion ist energieintensiv, also insgesamt umweltbelastend. Außerdem können wasserdampfundurchlässige Folien das Keimwachstum im Lebensmittel und bei Backwaren den Verlust der Knusprigkeit/Rösche fördern, sind also – wie auch Spezialfolien – nicht für jedes Lebensmittel geeignet.

Die Verringerung des Einsatzes von Altpapiersorten mit hohen Mineralölkonzentrationen in der Produktion von Recycling-Karton wird von der Papierwirtschaft bereits umgesetzt.

Eine konsequente Umsetzung der IJO-Empfehlungen zur Behandlung von Jute- und Sisal-säcken. Es betrifft die ausschließliche Behandlung mit mineralölfreien Batching-Ölen auf pflanzlicher Basis und Einsatz von mineralölfreien Farben bei der Kennzeichnung der Säcke – dies wird von der Lebensmittelwirtschaft und von Rohwarenlieferanten gefordert.

Und was macht die Politik?

Interessanterweise eher wenig. Ein konzeptionell mehrfach geänderter Entwurf einer sogenannten nationalen „Mineralöl-Verordnung“ wurde zuletzt im März 2017 zur Diskussion gestellt. Rein auf den deutschen Markt bezogen will der Gesetzgeber sehr restriktive Anforderungen an die Beschaffenheit von Lebensmittel-Packstoffen auf Recyclingpapierbasis stellen, so die Überlegungen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Experten, aber auch Verbände entlang der gesamten Wertschöpfungskette sind besorgt über die einseitige Vorgehensweise der Bundesregierung. So auch der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V.: Der Lebensmittelverkehr sei heute mehr denn je europäisch organisiert, d. h. es würden von nationalen Standorten Märkte in der gesamten Gemeinschaft versorgt, weshalb ein europaweit einheitliches Regelwerk zwingend erforderlich sei. Nationale Vorschriften stünden grundsätzlich im Widerspruch zu den politisch vereinbarten Grundsätzen eines einheitlichen Verbraucherschutzniveaus und zur Praxis eines Binnenmarktes. Sonderlösungen für Produkte in Deutschland führten zu Wettbewerbsverzerrungen, deren Ausmaß und Kostenfolgen aus heutiger Perspektive dramatisch ausfallen würden.

Mit den von der Europäischen Kommission für die Jahre 2017 und 2018 in allen Mitgliedstaaten initiierten Kontrolle von Mineralölen in Lebensmitteln und deren Verpackungsmaterialien soll die Basis für die notwendige Regelung auf EU-Ebene erarbeitet werden. Auch das von der EFSA zurzeit durchgeführte Projekt zur gesundheitlichen Beurteilung von aliphatischen Kohlenwasserstoffen dient zur Vorbereitung einer europäischen Regelung mit Grenzwerten. Die letzten Ergebnisse sollten bis 28. Februar 2019 von den Mitgliedsstaaten übermittelt werden. Erst dann wird es eine bindende europäische Regelung zur Mineralölproblematik geben.

Wie lautet das Fazit?

Die Problematik mit Verunreinigungen durch Mineralöl liegt seit vielen Jahren brach. In immer mehr Lebensmitteln und Verbrauchsgütern wurden MOSH/POSH und MOAH nachgewiesen. Die Verpackungsindustrie hat längst reagiert. Unternehmen haben bereits Lösungen mit Barrierefunktionen entwickelt, die den Übergang von migrationsfreudigen Bestandteilen verhindern. Auch konnte der Mineralölanteil in Recyclingpapieren mittlerweile sehr deutlich gesenkt werden.

Doch mit weiterer Verbesserung der Analyseprozesse werden künftig sicherlich noch mehr Kontaminationen in Lebensmitteln gefunden werden. Natürlich liegt weder das Vorkommen noch der veröffentlichte Fund solcher unerwünschter Stoffe im Interesse irgendeiner Person. Solche Funde bewirken einen Vertrauensverlust der Öffentlichkeit in die Verpackungsindustrie beziehungsweise in die jeweiligen Lebensmittelhersteller. Es ist daher im ureigenen Interesse der Hersteller, Verunreinigungsquellen zu finden und zu schließen. Im Idealfall, bevor ein Testmagazin die Öffentlichkeit über krebserregende Stoffe in Nahrungsmitteln informiert.