Baumanns Kolumne: Airbags unter Feuer
Gefährlich - ab hinter Gittern!

Dienstag, 18. April 2017 Wellpapp-Verpackungen für Gefahrgüter sind etwas Besonderes! Gefahrgüter müssen sicher transportiert werden und daher werden die Verpackungen unter Extrembedingungen geprüft und erhalten erst dann eine UN-Zulassung.

Viele Airbags enthalten Gasgeneratoren, Anzündeeinheit und Festtreibstoff. Was ist, wenn eine Ladung dieser Airbags in Brand gerät?
© Foto: Baumann Excellence
Viele Airbags enthalten Gasgeneratoren, Anzündeeinheit und Festtreibstoff. Was ist, wenn eine Ladung dieser Airbags in Brand gerät?
Transportgüter der Gefahrgutklasse 9 müssen samt Verpackung einen Abbrandtest bestehen. In diese Klasse fallen Stoffe und Gegenstände, wie z.B. Trockeneis, flüssiger Stickstoff, Asbest, Lithiumbatterien - und einige Airbagtypen. Der Abbrandtest gilt als erfolgreich bestanden, wenn alle Brandrückstände innerhalb eines Sicherheitsradius von 4 Metern liegen. Diese Auflage dient u.a. dem Schutz der Feuerwehrleute oder Schaulustigen, die nichts ahnend das Spektakel eines brennenden LKWs verfolgen.

Gasgeneratoren, Anzündeeinheit und Festtreibstoff

Einige Airbags sind mit Gasgeneratoren, Anzündeeinheit und Festtreibstoff ausgestattet. Was ist, wenn eine Ladung dieser Airbags in Brand gerät? Ich kann es Ihnen sagen: Nach dem ersten großen Knall geht man schnell in Deckung, um nicht von umherfliegenden Teilen getroffen zu werden. Papier brennt wunderbar - wie sollen Gefahrgut-Verpackungen aus Wellpappe Airbags schützen?

Gitterkörbe - zu teuer und schwer

Vor vielen Jahren sollte ich für den Airbaghersteller Autoliv und die Volkswagen AG eine Lösung für das Problem entwickeln. Bis dato wurden kritische Airbags in einem schweren Gitterkorb aus Stahl plus dazugehörigem Gefahrgutkarton verpackt. Insgesamt eine sehr teure Angelegenheit. Das Ziel war, nicht nur den 6c-Test zu bestehen, sondern auch eine kostengünstigere Lösung zu entwickeln.

Ich hatte bei Abbrandtests beobachtet, dass der schwere Gitterkorb extrem sicher war, denn er blieb trotz des explodierenden Airbags an Ort und Stelle. Die UN-Prüfung erlaubt jedoch ausdrücklich einen Sicherheitsradius von bis zu 4 Metern. Bisher wurde der Sprengkraft der Airbags die Kraft der Masse, der schwere Gitterkorb, entgegengesetzt. Mein Ansatz: Die frei werdende kinetische Energie durch ein nicht brennbares, flexibles Material zu „absorbieren“ .

Dünne Drahtgitter als Verpackungslösung?

Nach vielen Materialtests entsprach ein engmaschiges, dünnes Drahtgitter unseren Anforderungen. Aber wie wird daraus ein versandfähiger Karton? Die Lösung: Das Metallgitter zwischen zwei Wellpappen kleben und anschließend daraus eine Verpackung stanzen! Klingt einfach, bedeutete aber 4 Monaten intensive Entwicklungsarbeit, bis die ersten Prototyp-Verpackungen im Feuer lagen. Die neue Verpackungslösung wurde mit drei verschiedenen Airbags  getestet:

Airbags mit Magnesiumgehäuse - welche schnell ein sehr heftiges Feuer auslösen. Airbags mit Kunststoffgehäuse - die eine Explosion wie ein Kanonenschlag verursachen. Und Airbags mit Stahlgehäuse. Bei allen drei Bonfire-Prüfungen blieben die Lebensretter im Sicherheitsradius und haben den UN 6c-Test bestanden.

Ein kleines Fazit
Was soll soll ich sagen, dieses Projekt war bisher meine größte Herausforderung und ich durfte dafür den Gefahr/gut Innovationspreis entgegennehmen. Heute ist diese Gitterverpackung in der Auto- & Airbagindustrie eine Standardverpackung.
 
Über Jörg Baumann

Jörg Baumann ist seit 20 Jahren in der Verpackungsbranche aktiv und hat durch die Verknüpfung von Verpackung und Ladungssicherung neue Wege beschritten. Seine besondere Stärke besteht darin, für die Industrie neue,
wirtschafliche Lösungen im Bereich der Ladungssicherung, Gefahrgut und Verpackung aufzuspüren und diese durch gezielte Produktentwicklung in die Praxis zu transferieren. www.baumann-excellence.de



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