Baumanns Kolumne: Nachhaltigkeit ist mehr als ein Wort
Biofolie - ab auf den Kompost!?

Mittwoch, 12. Juli 2017 Wirtschaft und Ökologie - immer mehr Unternehmen setzen auf Nachhaltigkeit! Wieviel Bio ist Folie, wenn sie als "biologisch abbaubare Folie" angeboten wird?

"Let´s make our planet great again", so formulierte es der französische Präsident Macron. Ich freue mich über jeden Entscheidungsträger, der neue Wege und Produkte sucht, um dieses gemeinsame Ziel zu erreichen. Ein aktuelles Thema aus meiner Praxis: biologisch abbaubare Folien für den Versandhandel, zu 100% kompostierbar. Qualitativ hochwertige Folien zu möglichst niedrigen Preisen UND ökologisch, ist das Fakt oder Fake?

Günstige Bio-Folie - Fake oder Fakt?

Im Bereich der Kunststoffe gibt es die sogenannten Biokunststoffe (Biopolymere). Diese Bezeichnung lässt den Laien vielleicht an Produkte aus biologischer Landwirtschaft denken. Falsch! Konkret bedeutet das "Bio" in Polymer nur die Abgrenzung zu den konventionellen Polymeren (die die Meere verseuchen). Biopolymere werden Kunststoffe aus nachwachsenden und/oder aus petrochemischen Rohstoffen genannt. Sie sind, je nach Biopolymer, biologisch abbaubar - oder auch nicht. Fazit: das Thema Biokunststoffe ist sehr komplex. Umweltinteressierte Unternehmen sollten den Austausch mit Fachleuten suchen.

Das Umweltbundesamt hat 2009 die Studie "Biologisch abbaubare Kunststoffe" herausgegeben. Frau Dr. Petra Weißhaupt, Abteilung Produktverantwortung des UBA, bestätigt, dass diese Publikation noch aktuell ist. "Wir nehmen bislang Abstand von grundsätzlichen Empfehlungen für biologisch abbaubare Kunststoffe, da festgestellt werden musste, dass einige der verwendeten Kunststoffe in Kompostieranlagen nicht zuverlässig abgebaut und stark vermischte Abfälle nicht effektiv behandelt werden können. Die nachträgliche Entfernung von nur teilweise abgebauten Kunststoffen aus Bioabfällen ist sehr problematisch. Außerdem befürchten wir, dass sich die Litteringproblematik (Vermüllung der Umwelt) verschärfen könnte, wenn die biologische Abbaubarkeit von Verbrauchern überschätzt wird. Die zertifizierte biologische Abbaubarkeit bezieht sich auf optimierte Laborbedingungen, welche in der Umwelt zumeist nicht vorliegen. Die verwendeten Materialien sind in der Umwelt vergleichsweise beständig und sollten nicht achtlos entsorgt werden."

Das UBA spricht sich nach wie vor für recyclingfähige Verpackungslösungen und die getrennte und sorgfältige Sammlung von Verpackung- und Bioabfällen aus.

Altpapier oder Pappe als gute Alternative?

Das 3N Kompetenzzentrum Niedersachsen fördert den Einsatz nachwachsender Rohstoffe sowie die Entwicklung und Anwendung nachhaltiger Produkte. Hansjörg Wieland von 3N ist Fachmann für Biopolymere. Er schließt sich grundsätzlich der Haltung des UBA an und ergänzt: "Für  Versandkartons zur Polsterung der Ware wäre im Moment Altpapier oder Pappe zu bevorzugen.“

Beide Experten betonen jedoch, dass eine Kolumne der Problematik Nachhaltigkeit und Biopolymere nicht gerecht werden kann. Sei dies also ein Versuch, Aufmerksamkeit zu wecken. Die Schlagwörter "Bio" und "Nachhaltigkeit" lassen zu viel Spielraum für falsche Werbeversprechungen. Wir brauchen genauere Definitionen und anwendungsspezifische Aufklärung über Produkte aus Biokunststoffen.


Über Jörg Baumann
Jörg Baumann ist seit 25 Jahren in der Verpackungsbranche aktiv. Als unabhängiger Verpackungsberater für mittelständische und große Unternehmen hat er die Optimierung der Verpackungslogistik im Fokus. Einsparungen und gut funktionierende Logistikprozesse sind sein Ziel. Seine besondere Stärke besteht darin, für die Industrie wirtschafliche Lösungen im Bereich der Ladungssicherung, Gefahrgut und Verpackung aufzuspüren oder zu entwickeln. www.baumann-excellence.de

Baumanns Kolume erscheint in jeder PackReport-Ausgabe. Dort schreibt Jörg Baumann exklusiv. Weitere Infos hier.

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